In den nächsten Tagen und Wochen wird in Hamburg, in Düsseldorf und Krefeld und in Frankfurt die Bekleidungsindustrie ihre neuen Modelle für Herbst und Winter ihren Kunden zeigen. Die Vielzahl dieser Veranstaltungen und der erhebliche Aufwand an Arbeit und Mühe, der mit solchen Vorführungen unvermeidbar verbunden ist, werden manchenorts die Frage entstehen lassen, ob dieser Aufwand zeitgemäß, nützlich oder gar nötig sei.

Was sich hier vollzieht, ist indessen nichts anderes als der erste Schritt zur Rationalisierung des Ein- und Verkaufs der gesamten Damenoberbekleidung. Einkauf und Verkauf werden wieder in den saisonbedingten Rhythmus gebracht, wie er vor dem Kriege auch bei uns üblich war.

Ernster aber ist die Frage zu beurteilen, ob überhaupt für modisches Schaffen allzuviel Arbeit und Geld aufgewendet werden soll. In der Tat setzen zahlreiche Webereien in Seide und Samt, in Wolle, in Baumwolle, der modische Großhandel, die Bekleidungsindustrie und der Einzelhandel ihre ganze Kraft ein, um dem Publikum, insbesondere der Frauenwelt, wieder etwas Neues in Farbe, Zeichnung und Schnitt zu zeigen.

Textil- und Bekleidungsindustrie der Westzonen sehen sich in zunehmendem Maße in den internationalen Wettbewerb wieder hineingestellt. Textile Fertigwaren strömen wieder aus dem Ausland herein. Man wird sich auch gegen die Einfuhr textiler Fertigwaren im Grundsatz nicht wehren können, wenn sie im Ausgleich für die Ausfuhr deutscher Fertigerzeugnisse. erfolgt. Andererseits hat die Textilindustrie ihre Ausfuhr namentlich in baumwollenen und kunstseidenen Geweben wiederaufgenommen und trotz künstlicher Exportbehinderungen aller Art sich wieder eine gewisse Position auf dem Weltmarkt erarbeitet. Damit ergibt sich für die Textilindustrie die Notwendigkeit, ihre Erzeugnisse in Geschmack, in Farbe und Zeichnung dem westeuropäischen Standard allmählich anzupassen. Die Bekleidungsindustrie hat es in dieser Beziehung noch schwieriger. Zwar kommt an Fertigkleidung aus dem Ausland verhältnismäßig wenig herein. Und was in dieser Beziehung importiert wurde, waren teilweise nur Abfallprodukte fremder Märkte. Auf der anderen Seite hat aber die Bekleidungsindustrie, die namentlich in ihrem Berliner Zentrum ausgesprochen exportorientiert war, mit der Emigration der 30er Jahre zahlreiche Kräfte verloren, die früher zum Export ihrer Erzeugnisse wesentlich beigetragen haben. Die Wirkung dieses Umstandes bekommt sie heute in des Stärkung der Bekleidungsindustrie in Amsterdam,

London und New York zu spüren, von denen die beiden ersteren Plätze früher wertvolle Absatzmärkte waren. Nicht nur dies, sondern auch andere Umstände haben bisher die Aufnahme des Exports der Bekleidungsindustrie aufs äußerste erschwert.

In jedem Fall, Textil- und Bekleidungsindustrie sind auf dem deutschen Markt wie auf den fremden Märkten gezwungen, unbeschadet deutscher Eigenart, sich in die allgemeine modische Entwicklungslinie Westeuropas einzufügen. Das bedeutet, daß sich unsere Damenoberkleidung – und übrigens auch allmählich die Herrenkleidung – von der Atmosphäre des Grau-in-Grau unserer Ruinenstädte langsam loslöst und mehr und mehr von der Farbigkeit und Lebensfreude in Schnitt und Zeichnung, die wir bei unseren westeuropäischen Nachbarn feststellen können, in sich aufnehmen wird.

Mode ist Werbung. Sie versucht, der Frauenwelt beizubringen – in der Regel mit vollem Erfolg –, daß das, was im vergangenen Jahr getragen worden ist, jetzt nicht mehr getragen werden kann. In Zeiten aufsteigender Konjunktur oder einer ausgesprochenen Mangellage, also im Sellers Market, pflegen die Modeschwankungen geringfügig zu werden. Wir wissen aus der hinter uns liegenden Zeit, wie monoton und färblos, wie trist und unpersönlich in solchen Zeiten selbst die Frauenkleidung werden kann. Die Utility-Produktion und der Gedanke der Austerity hatten praktisch auch in Deutschland alles modische Geschehen ertötet. In Zeiten abfallender Konjunktur dagegen muß die Mode ihre Werbekraft dadurch zu steigern versuchen, daß sie die Variationen stärker, ausschlagen läßt, daß sie den Kontrast zwischen alter Mode und neuer möglichst deutlich erscheinen läßt. Es sieht so aus, als ob wir international einer solchen Entwicklung entgegengehen.

Der Lebensstandard des deutschen Volkes soll auf das Niveau der übrigen europäischen Länder gehoben werden. So haben es die Alliierten versprechen, Die westdeutsche Textil- und Bekleidungsindustrie erlebt auf dem deutschen Markt in zunehmendem Umfang die Konkurrenz des Auslandes und ist selbst gezwungen, ihre Erzeugnisse auf den Auslandsmärkten im friedlichen Wettkampf mit ihren ausländischen Konkurrenten abzusetzen. Dies alles ist nur denkbar, wenn wir uns für Mode interessieren und für Mode einsetzen. J. Hartmann