Der Anteil Schleswig-Holsteins an der westdeutschen Bekleidungsindustrie beträgt etwa gleichmäßig nach Umsatz, Maschinenzahl und Beschäftigten rund 5 v. H. Dies Verhältnis mag auf den ersten Blick nicht gerade imponierend erscheinen, es gewinnt aber bei näherer Betrachtung eine ungleich größere und nicht nur lokale Bedeutung. In dem Agrarland spielte die Industrie von jeher eine fast kümmerliche Rolle, wenn man von dem Schiffbau absehen will, den damit zusammenhängenden Industrien und der Textilindustrie in Neumünster. Heute sind etwa 120 Betriebe der Bekleidungswirtschaft vorhanden. Der Zusammenbruch führte einen starken Flüchtlingsstrom ins Land. Mit ihm kamen aus den ostdeutschen Bekleidungszentren Stettin und Breslau, aber auch aus Berlin, zahlreiche Fachkräfte und eine Reihe von Unternehmern. Man erkannte, daß der seit Jahren angestaute Bedarf günstige Aussichten für eine Konfektion eröffnete und daß diese lohnintensive Industrie in beträchtlichem Umfang Arbeitskräfte aufnehmen kann. Darauf kam es der Landesregierung entscheidend an. Bald stellten sich dann Mittelpunkte in Kiel, (Lübeck, Neumünster, Elmshorn, Pinneberg und Flensburg-Kappeln heraus.

Abgesehen von einigen Großbetrieben, die mehrere hundert Arbeiter beschäftigen, handelt es sich vorwiegend um mittlere Betriebe, die aber weitere Ausbaufähigkeiten besitzen. An – zwar ungelernten – Arbeitskräften besteht jedenfalls kein Mangel. Das Produktionsprogramm dieses Wirtschaftszweiges umfaßt alle Arten von Bekleidung, angefangen bei Damen-, Herren- und Kinderkleidung, über Berufsbekleidung, Wäsche, Miederwaren, Krawatten, Leder- und Gummibekleidung bis zu Hüten, Mützen und Schirmen, ja sogar Kunstblumen. Es werden hochwertige Artikel hergestellt, die verwöhntesten Ansprüchen genügen. Einige Firmen der Damenbekleidung, deren Namen in der Fachwelt Ruf besitzen, zeichnen sich durch modische Spitzenleistungen aus.

Die Bekleidungsindustrie ist hinsichtlich ihrer Rohstoffbeschaffung und ihres Absatzes auf den westdeutschen Wirtschaftsraum eingestellt. Naturgemäß muß sich dabei die Randlage Schleswig-Holsteins nachteilig auswirken. Sie zwingt zu weiten Einkaufsreisen – der Vertreterbesuch der Lieferanten hat sich noch keineswegs eingebürgert –, wobei erschwerend hinzukommt, daß den durchweg jungen Betrieben zunächst die Beziehungen zur vorgelagerten Industrie fehlten, Bei dem allgemeinen Rohstoffmangel bevorzugten die Weber ihre alten Kunden und vermieden es, neue Geschäftsbeziehungen anzuknüpfen. Mit der allmählichen Besserung der textilen Rohstofflage sind zum Glück viele Hemmnisse fortgefallen.

Nachdem die Sorge um die Rohstoffbeschaffung mehr in den Hintergrund getreten ist; zeichnet sich als Kardinalproblem die Absatzfrage ab. Die Zurückhaltung des Käufers wird hervorgerufen durch den Geldmangel und die Unsicherheit über die künftige Preisbildung. Eine weitere Verbilligung der Textilien läßt sich jedoch nach der Preisstellung der textilen Rohstoffe nicht erhoffen. Und aus der Rationalisierung der Bekleidungsindustrie sind preisverbilligende Einsparungen kaum noch zu erwarten. Der Einzelhandel ist, der Einstellung seines Kunden entsprechend, äußerst vorsichtig in seinen Dispositionen. Angesichts des ausreichenden Angebots ist er nicht mehr gezwungen, den Bedarf durch Besuch beim Fabrikanten zu decken. Dieser Umstand zwingt besonders die schleswig-holsteinische Industrie dazu, ihre Erzeugnisse an den Kunden heranzutragen. Dies geschieht durch die Wiedereinschaltung der Vertreter und durch Verkaufswochen.

Die in Hamburg durchgeführte Verkaufswoche der norddeutschen Bekleidungsindustrie gibt dem Textileinzelhandel die Gelegenheit zum bequemen Einkauf in Verbindung mit der Möglichkeit des unmittelbaren Vergleichs einer Vielzahl von Kollektionen. Gleichzeitig wird durch eine Regelmäßigkeit der Verkaufswochen auch die Normalisierung der Einkaufsdispositionen für den früher üblichen saisonmäßigen Bedarf angestrebt. Die Hamburger Verkaufswoche findet naturgemäß das besondere Interesse der verkehrsabseitigen schleswig-holsteinischen Kleiderfabriken, wie der Umfang ihrer Beteiligung klar erkennen läßt. Einzelne Firmen der Damenoberbekleidung im Modellgenre, für die Kundenbesuche von außerordentlicher Wichtigkeit sind. haben in dem modisch bedeutungsvollen Hamburg Verkaufsbüros errichtet oder beteiligen sich an westdeutschen Verkaufsveranstaltungen. Der schleswig-holsteinischen Bekleidungsindustrie fehlt es also nicht an Beweglichkeit, sich in jeder Hinsicht den Forderungen des Marktes anzupassen. Ihre Erzeugnisse können bezüglich der Verarbeitung, des Geschmacks und der Preisstellung dem Wettbewerb standhalten. Herbert Nebe