Zeitstück wie seine vielgespielten „Illegalen“ ist im Grunde auch Günther Weisenborns Schauspiel „Babel“. Daß es nach der Konstanzer Uraufführung nicht dieselbe Resonanz bei den Bühnen fand, mag weniger an der Qualität als in der Struktur liegen. Es hat nicht den Aktualitätsreiz einer gegenwärtigen oder jüngst vergangenen politischen Historie. Stofflich ist es den fühlbaren Tagesnöten des einzelnen entrückt und bewegt sich in einer südamerikanischen, Jabel genannten Weltstadt, wo sich zwischen dem Fleischkönig und dem Eisenbahnkönig als rivalisierenden Börsendiktatoren ein Drama um Millionen Dollars, aber auch um Millionen Menschenschicksale abspielt. Der dramatische Vorwurf ist also der Monopolkapitalismus – in Thema, das sicherlich zeitnah ist, in den Marshall-Plan-Ländern jedoch kaum als persönliches Anliegen des Theaterbesuchers empfunden wird. Weisenborn hat sich der parteipolitischen Schlagwort-Ideologie enthalten (falls der in Bonn gesprochene Text vollständig ist) und dadurch selbst die Notwendigkeit einer dichterischen Bewältigung des Stoffes aus größerer Höhe der Problemstellung postuliert. Bis zu solcher Verachtung des Politischen und Wirtschaftlichen im Menschlichen ist er freilich nicht vorgedrungen. Entstanden ist ein Theaterstück mit allen Merkmalen: der wirksamen Routine. Szenenbau und Dialog, reißerische Kriminalistik, Machtkampf, Liebe, Eifersucht und Sentimentalität verraten in ihrer Mischung den Könner, der sein Publikum zu fesseln versteht.

Durch die Initiative Erich Thormanns, des Bonner Intendanten, wurde „Babel“ zum ersten Male in Westdeutschland gespielt. In dem Kammertheater der Städtischen Bühnen, das mit großem Geschick aus einer Turnhalle als „Dauerbehelfslösung“ gewonnen wurde, sah man eine dem Stück vollauf gerecht werdende Inszenierung von Josef Kandner. Besonders bemerkenswert durch Einfall, Form und Wandlungsfähigkeit war die Leistung des Bühnenbildners Hermann Prange. Im Hinblick auf andere westdeutsche Theaterstädte von vergleichbarer Größe muß anerkannt werden, daß Bonn nicht nur in der Lage war, die Hauptrollen angemessen zu besetzen (Gert Teilkampf und Carl Möller seien als Protagonisten rühmend hervorgehoben), das Theater hat sich hier offensichtlich auch jenen anspruchsvollen, gebildeten Besucherkreis zu erhalten verstanden, den anderswo die Wirtschaftsnöte bedrohlich verkleinert haben.

Johannes Jacobi