Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W., Berlin, Anfang Juli

Die ersten Deutschen, die der neue amerikanische Oberkommissar McCloy sprach, waren Berliner: der Berliner Oberbürgermeister Reuter und der Parlamentsvorsteher Dr. Suhr. Reuter war eben einstimmig in Lübeck zum Präsidenten des Deutschen Städtetages gewählt worden. Man sollte meinen, daß, von der politischen Repräsentation her gesehen, Berlin also nicht nur inmitten Deutschlands liegt, sondern auch Rang und Würde der echten – wenn auch zeitweilig verhinderten – Hauptstadt genießt. Doch diese psychologischen Symptome trügen. Dank der sowjetischen Gewohnheit, Verabredungen durch tausend technische Varianten fragwürdig zu machen, hat die Deblockierung der Stadt nicht jenen Rausch des Anschlusses an den Westen entfesselt, der nach einer beinahe einjährigen Blockade hätte erwartet werden müssen. Es ließen sich eben die politischen Probleme nicht verbergen, die Berlin geblieben sind und auch die anderen nicht, die es durch die Ergebnisse der Pariser Außenministerkonferenz dazubekommen hat.

Die Entblockierung, so hieß es, sei das erste Loch in dem „Eisernen Vorhang“ gewesen. Doch jenseits des Brandenburger Tors wurde Paris als ein Erfolg der sowjetischen Politik bejubelt. Und das große Stichwort „Ost-West-Handel“ verschwindet seitdem nicht mehr aus den östlichen Zeitungen, die bis dahin dem Westen, seiner Wirtschaft und seinen Wirtschaftsmethoden nur das Ärgste nachzusagen wußten. Ost-West-Handel: das ist das für den Osten so wertvolle Tauschobjekt, das er für die nur teilweise erfolgte Freigabe der Verkehrswege zwischen Berlin und Westdeutschland eingehandelt hat. Für die Stadt Berlin und ihre eigene Wirtschaft – mindestens für ihren westlichen Teil – hat dies bislang noch nichts als die mit westdeutschen Waren gefüllten Schaufenster ergeben. Statt dessen sieht sich die Stadt seit den Pariser Verhandlungen bei der von den drei Westmächten gebildeten Alliierten-Kommandantur einer Haltung gegenüber, die sie in den Blockademonaten kaum erleben mußte.

Zunächst wurde das spontane Ersuchen des Stadtparlaments, nun nach der Entblockierung die Aufnahme der Stadt in die Bundesrepublik und Beteiligung an den Bundesparlamentswahlen zuzulassen, rigoros von den Militärgouverneuren zurückgewiesen. Im Laufe des Eisenbahnerstreiks nötigten die Westalliierten die Eisenbahner, vielfach getäuschten östlichen Zusagen aufs neue Glauben zu schenken. Weiterhin lehnte die Westkommandantur das städtische Ersuchen um Währungshilfe für mehr als 100 000 Westberliner, die nur Ostmarkeinkünfte haben nicht nur ab, sondern verpflichtete die Stadt zusätzlich, die bisherigen Ausgaben für das Geldumtauschverfahren der sogenannten „Grenzgänger“ erheblich zu senken. Damit wurde das heikelste Problem Berlins, das Problem der Doppelwährung neuerdings zum Existenzproblem der Stadt.

Natürlich hat Berlin ein enorm hohes Defizit in seiner Staatskasse. Das ist durch die ungewöhnlichen Umstände der Blockade bedingt. Aber selbst der bescheidenste Ausgleich ist nicht möglich, wenn die Berliner Wirtschaft nicht arbeiten und nach Westdeutschland exportieren kann. In dieser Hinsicht wurde dem längeren Besuche Professor Erhards in Berlin eine Bedeutung zugemessen, die – wie sich indessen herauszustellen scheint – mehr Wunschträumen als Realitäten entsprach. Wenn man in Berlin auch weiß, daß das Umschalten der Produktion auf die Berliner Bedürfnisse nicht einfach durch Einsichten eines Mannes und nicht einmal durch Beschlüsse des Wirtschaftsrates, die seiner Empfehlung gefolgt sind, erreichbar ist, enttäuscht doch die bislang bescheidene Reaktion der westdeutschen Staats- und Privatstellen außerordentlich.

So lebt Berlin weiterhin in der Unsicherheit der gefährdeten Wege nach Westdeutschland, neben sich aber gewahrt es im Ostteil der Stadt das Tempo, mit dem dort dank Paris von dem politischen Gegner, der ihm ein Leben voller Angst, Not und Bedrängnis aufgezwungen hat, aus der Empfehlung des Ost-West-Handels sehr viel kräftiger Nutzen gezogen wird. Auch die östliche, von der SMA ohne demokratische Bestätigung eingesetzte Regierung, die „Deutsche Wirtschaftskommission“ setzt auf Erhard. Ihr untersteht der Ostmagistrat, sie regiert über die Sowjetzone und die hinter ihr liegenden Sowjetländer mit östlichen Mitteln. Gewiß sind Verhandlungen keine de-jure-Anerkennung, aber sie desavouieren Kampf und Existenz Berlins, so lange wie diese Stadt nicht alle wirtschaftlichen Möglichkeiten und Kräfte des Westens schnell und nachdrücklich zu spüren bekommt. Das heißt, daß Westdeutschland gewissermaßen jetzt den Anschluß an Berlin vollziehen muß. Es ist für Gesamtdeutschland wichtig, daß in Berlin zuerst die Arbeitslosen verschwinden, ebenso wie es wichtig ist, daß hier nicht Industrien nach Westdeutschland abgezogen, sondern daß im Gegenteil neue hierher verlegt werden.

Und weiter: Die Enttäuschung der in der Sowjetzone lebenden Deutschen, daß mit der Öffnung der Stadt nicht zugleich die Öffnung der „Zone“ erreicht wurde, ist wahrscheinlich in Westdeutschland noch nicht im geringsten bemerkt worden. Eine Sowjetzone aber, die, was ihr genehm ist, durch den schmalen Riß im Eisernen Vorhang aus den westlichen Gütern abzapft, braucht das größere lebendige Beispiel für die nächste Etappe, den Abschluß des Ostens an Deutschland: ein blühendes, mit dem Westen eng verbundenes Berlin. Dazu aber bedarf es mehr als einer Almosengesinnung im Westen. Es braucht die tatkräftige Einsicht Westdeutschlands, daß Deutschland immer noch in Berlin am lebendigsten ist und daß dies so bleiben muß.