Von Georg Hermanowski

Thomas Mann, im Begriff, den Boden Deutschlands zu betreten, nähert sich seinen ehemaligen Landsleuten nunmehr mit der Geste der Versöhnung. Den materiellen Teil des ihm verliehenen Goethe-Preises stiftete er hochherzig notleidenden Künstlern und kulturellen Einrichtungen der Stadt Frankfurt. In einem Interview für die Zeitschrift „Heute“ erklärte er es als Mißverständnis, daß man seine verschiedenen vernichtenden Kollektivurteile über das gesamte nichtemigrierte DeutschlandTals Äußerungen des Hasses gedeutet habe; sie seien vielmehr Zeugnisse aufrichtiger Liebe, Sorge und Verbundenheit gewesen. Es scheint, daß der große Schriftsteller inzwischen hat einsehen müssen, daß seine Werke nach wie vor nirgends, in der Welt eine so breite Resonanz finden wie eben in Deutschland. Dennoch beweisen uns zahllose Zuschriften, wie erstaunt viele Deutsche – nicht aus chauvinistischen Gründen – über seine Erwählung zum Goethepreisträger sind; und zwar wird dabei gerade sein Verhältnis zu Goethe in Frage gestellt. Als Beitrag zur Klärung dieser Frage bringen wir hier eine Auswahl seiner Äußerungen über Goethe. Es ist dabei weniger belangreich, ob manches darin sachlich nicht auch anders gesehen werden könnte. Wichtiger ist die Entscheidung darüber, ob das Gesagte notwendigerweise den vielfach hervortretenden Tonfall teils gönnerhafter, teils anmaßlicher „Überlegenheit“ bedingt, oder ob echte Liebe, wahrer Respekt und aufrichtige Verehrung nicht ganz andere Formulierungen dafür gefunden hätten. Dies zu beurteilen, bleibe dem Leser überlassen.

Man erzählt, Ernst Jünger habe, darüber befragt, wie er Goethe in seinem zweihundertsten Geburtsjahre zu ehren gedenke, geantwortet: „Indem ich nichts über ihn publiziere!“ Anders hält es Thomas Mann. Nicht allein aus seiner neuen Heimat, von der pazifischen Küste her, dringt sein Wort zu uns; der Vierundsiebzigjährige hat sich höchstpersönlich zu einer Tournee nach Europa begeben. In England sprach er bereits über Goethe und die Demokratie“, obwohl er Goethe kürzlich noch als Vertreter des absolutistischen Imperialismus pries! – Schweden ehrte und Frankreich erwartet ihn, in der Schweiz wurde er hoch gefeiert, und selbst Deutschland wird nunmehr seines Besuches gewürdigt werden. Goethes Geburtsstadt, der Thomas Mann im vergebenden Jahre – in Hinblick auf den zu vergebenden Goethe-Preis im Jubiläumsjahre? – und kleine Sammlung alter Aufsätze, Vorworte und Vorträge in erster zusammenfassender Aus- – gäbe widmete, hat ihm dafür denn auch diese Auszeichnung zuerkannt. Eine Huldigung – nicht an Goethe –, die in der literarischen Welt nicht nur Deutschlands vielfaches Befremden, in weiten Kreisen sogar offenen Widerspruch erregt hat. Interessant erscheine es daher, einmal das Goethebild dieses Schriftstellers näher zu betrachten, wobei wir in folgendem allein authentische Quellen sprechen lassen.

„Das Kind, das am 28. August 1749, da die Uhr Mittag schlug, in einem Frankfurter Bürgerhause von einer achtzehnjährigen Mutter unter größten Anstrengungen geboren wurde, war schwarz und schien, tot.“ So beginnt Thomas Manns „Phantasie über Goethe“, die er einer Auswahl des Goetheschen Werkes in Amerika voranstellte, und die uns neben seinem Roman „Lotte in Weimar“ sein Goethebild am deutlichsten vor Augen führt. Aus dem „schwarzen Kinde“ wurde dann innerhalb dreiundachtzig Jahren „ein schneeweißer Greis“, der fortwährend „in sklerotische Träume“ versank, deren Ursache wohl hauptsächlich darin lag, daß sich „der vierundsiebzigjährige rangälteste Staatsminister des Großherzogtums Sachsen-Weimar in Marienbad als Tanzsaallöwe und Seladon entpuppt und dort mit einer siebzehnjährigen Mädchenblüte scharmuziert und geschnäbelt hatte“.

Dennoch hat sein Herz nie „für eine Frau vulkanisch gerast“; und sagt Goethe von diesem Male auch selbst „unter Schnee- und Nebelschauern rast ein Ätna dir hervor“ – Thomas Mann weiß es besser als er, „es ist nichts weiter als eine poetische Übertreibung!“

Ein Blick auf Goethes Stammbaum verdient besonderes Interesse.

Der Name des Dichters ist „barbarisch“: „Gothe“ –, doch Goethe ist ein Dichter, und so ist es selbstverständlich, daß auch sein Name „durch einen flötenhaften Umlaut ins Musische geläutert“ erscheint. „Goethe“, das klingt wie Musik – und von der Musik versteht bekanntlich Themas Mann etwas (siehe „Faustus“).