Als kürzlich das ungarische Parlament nach der Neuwahl zusammentrat, fehlte der Außenminister Laszlo Rajk unter den anwesenden Volksvertretern, obwohl er in seinem Wahlkreis Listenführer gewesen. war. Einige Tage später erfuhr man, daß er abgesetzt, kurz darauf, daß er, mitsamt neunzehn Mitschuldigen, verhaftet worden sei. „Dank der Wachsamkeit des Genossen Rakosi“, hieß es in den Zeitungen, und „wegen Spionage, Faschismus Trotzkismus und Antisowjetismus...“ Ungefähr zur selben Zeit stürzte in Bulgarien der stellvertretende Ministerpräsident Trajtscho Kostow, wurde in Albanien der stellvertretende Ministerpräsident Xoxe hingerichtet. Das ist das Berufsrisiko des Funktionärs im kommunistischen Staat.

Man muß sich hüten, aus solchen „Säuberungen“ in den hohen Rängen falsche Schlüsse zu zieben. Sie sind nicht eigentlich Anzeichen von inneren Krisen, sondern sie sind die Form, in der im kommunistischen Regime persönliche und sachliche Differenzen ausgetragen werden. Der Kampf um die Macht ist nicht zu Ende, wenn die kommunistische Partei die Regierung übernimmt, sondern er geht innerhalb der Partei zwischen Personen und Gruppen weiter. Auf seinem Höhepunkt wendet der Funktionär oder die Gruppe, die sich durchgesetzt hat, also den Apparat beherrscht, gegen die Konkurrenten das Mittel der Säuberung an. Plötzlich wird ihnen vorgeworfen, sie seien Spione, Faschisten; Trotzkisten, neuerdings auch, was besonders gefährlich ist, Titoisten. Und ist die Anschuldigung in Moskau gebilligt worden, dann ist es am die Verhafteten geschehen.

Dieser innere Kampf um die Macht findet auch in der Sowjetunion selbst von Zeit zu Zeit statt. Man erinnert sich der wütenden Auseinandersetzung zwischen Stalin und Trotzij in den zwanziger Jahren, der Moskauer Schauprozesse in den dreißigern. Schon damals hat sich, gezeigt, daß keine, auch nicht die höchste Stellung in der Parteihierarchie vor Säuberung und Todesurteil schützt. Reihenweise wurden die „alten Kämpfer“ des Bolschewismus, die früher mit Stalin im Politbüro gesessen hatten, hingerichtet, unter ihnen der Chef der Geheimpolizei, Jagoda. Es ist noch nicht klar, ob sich auch die letzten Umbesetzungen in der Sowjetregierung, von denen auch Molotow betroffen war, schließlich noch als eine Säuberung im herkömmlichen Sinne herausstellen werden. Sicher aber ist, daß nach dem Tode Stalins dergleichen im größten Stile vor sich gehen wird.

Mit dem Fall Jagoda scheint der Fall Rajk eine gewisse Ähnlichkeit zu haben. Nicht in bezug auf die Anklagen, denn Jagoda wurde beschuldigt, den Dichter Maxim Gorki ermordet zu haben. Aber Rajk war, ehe ihm seine Gegner vor acht Monaten diesen Schlüsselposten abjagten, Innenminister und hat als solcher ungefähr dieselben Funktionen wie Jagoda ausgeübt. Er hat die großen Säuberungen des vergangenen Jahres mit größter Rücksichtslosigkeit selbst durchgeführt und ohne Zweifel viele Tausende von Menschen, Kommunisten ebenso wie Demokraten und „Reaktionäre“, einkerkern und hinrichten lassen. Man braucht sich also nicht zu wundern, daß anläßlich seiner Verhaftung zahllose Zustimmungskundgebungen aus dem ganzen Lande eintrafen. Sie bekunden nicht Zustimmung zum Kurs des Herrn Rakosi, sondern Genugtuung über den Sturz des Henkers. Auch glaubt niemand, Rajk könnte wirklich mit den Amerikanern oder gar mit dem ehemaligen Regenten Horthy gegen das kommunistische Regime konspiriert haben, denn Rajk stand am linken Flügel der Partei und war alter Kommunist. Schon eher möglich wäre es, daß er Titoist ist, daß er sich also gegen sowjetische Wünsche widersetzlich gezeigt hat. Darauf deuten auch die Gerüchte hin, die von einem Zusammenhang des Falls Rajk mit der dramatischen Abberufung des russischen Gesandten in Budapest erzählen.

Eine andere Sache ist, was Rajk bei seinem Prozeß „gestehen“ wird. Er hat jetzt Gelegenheit, die Wirksamkeit der von ihm selbst bei der politischen Polizei eingeführten Methoden des Verhörs kennenzulernen. Genau so wie der albanische Kommunistenführer Xoxe, der von einem Exekutionspeloton der von ihm selbst gegründeten tionspeleton der von ihm selbst gegründeten albanischen GPU erschossen wurde... H. A.