"Keiner lebt für sich allein" war Titel und Thema eines Buches, das Martin Stiebing mit einem Schlage in die erste Reihe der deutschen Autoren gerückt – hätte, wäre die Zeit nur günstiger gewesen. Aber der Roman erschien (bei Kiepenheuer) kurz vor dem Kriege, und es begannen bald die Sorgenjahre, die es vergessen ließen, daß ein neuer Erzähler ein Werk vorgelegt hatte, das zwar idyllisch, und beschaulich begann, jedoch nach vielleicht allzu langem Anlauf ein furioses Tempo entwickelte, wie dies nur einer noch zu entfesseln wußte: Fallada. Nach dem Krieg war Stiebing unter den ersten deutschen Autoren, die in der Schweiz verlegt wurden, wenn nicht gar der erste überhaupt. Diesmal hatte er, der die schwärzeste Schattenseite des Krieges an der Front erlebt hatte und trotz der Nachkriegsnot seiner Wahlheimat Berlin treu blieb, einen Zeitroman geschrieben, nein: hingeschleudert, der zu einem Drittel Dokument, zum anderen Drittel Experiment, zum letzten Drittel echtes Erzählertum war. Von Stiebings drittem Buch aber lohnt es sich vor allem zu sprechen. Titel: "Der Wünsche Morgen und Abend", Verlag Christian Wegner, Hamburg.

Dieser Titel sagt genau das, was der Roman behandelt –: Nicht nur die Menschen, auch ihre Wünsche haben einen Morgen, einen Mittag, einen Abend. Ziele werden erreicht oder nicht erreicht, die Wünsche erblühen und vergehen, und mit ihnen ändert sich im Menschen das, was veränderlich ist. Nicht so, als ob Stiebing dies am Beispiel handelnder Personen demonstrierte. Er erzählt. Er baut im Milieu einer naturnahen Stadt eine Welt der jungen Leute auf, in deren Mitte ein sehr deutscher Typ, ein Adept der Bildhauerei (die Hauptperson des Romans), und ein entzückendes, halb exotisches Mädchen stehen. Er setzt dagegen die Welt eines Bürgerhauses. Ein Entwicklungsroman also, in dessen Mittelpunkt das Vater-Sohn-Problem steht und dessen Handlungsablauf zeitlich nicht genau fixiert ist: er mag in den Jahren zwischen dem ersten Weltkriege und dem Jahr 1933 spielen, denn auch damals gab es ja jenen Typ des kleinen Schiebers, der – als eine mit großer Plastik dargestellte Randfigur – heute so aktuell erscheint. Und eben das ist das Bedeutsame an Stiebings Kunst –: die Plastik seiner Figuren, die nicht erdacht, sondern erlebt sind und sich als leibhaftige Realitäten in einer gleichnishaften Welt bewegen. Deshalb regt das Buch zur Spannung an, zugleich jedoch zum Denken und zum Träumen. Es kommt bei aller Modernität der Sprache aus bester deutscher Erzählertradition. Es gehört zu den heute leider so seltenen Büchern, die gerade deshalb, weil sie "zweckfrei" sind, den Leser tief gefangennehmen.

Josef Marein