Von Rembert Ramsauer

Der Redner hatte seinen Vortrag beendet. Das gedämpfte Geräusch von markiertem Händeklatschen und Trampeln bezeugte die wohlwollende Aufnahme bei den Zuhörern. Der Leiter der Versammlung brachte den Dank aller mit ein paar schicklichen Worten zum Ausdruck. Nach einer kurzen Pause begann die Aussprache. Es wurde um Wortmeldungen gebeten. Ein paar Augenblicke herrschte erwartungsvolle Stille. Mit einer unter betonter Gleichgültigkeit verborgenen Neugierde ließ ein jeder den Blick über die Versammlung schweifen: Wer würde als erster....?

Gerade als die Stille begann, peinlich zu werden, erhob Herr von X. die Hand. Wenn sich sonst niemand melde, so begann er, dann dürfe er ja wohl ein paar Worte sagen. Von dem, was man eben gehört habe, verstehe er zwar; herzlich wenig, aber er habe sich schon oft eine andere Frage vorgelegt, die bei einigem guten Willen vielleicht mit dem Vortrag in Zusammenhang gebracht werden könne, die Frage nämlich ... Nun, er redete eine gute Weile.

Nachdem Herr von X geendet, herrschte wiederum Schweigen. Dann bat der alte Geheimrat ums Wort. Der alte Herr freute sich, einen so schönen Vortrag gehört zu haben und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Ausführungen bald im Druck erscheinen würden. Er bat auf alle Fälle um einen Sonderdruck, damit er das Gehörte dann noch einmal in Ruhe lesen könne. Kein Zweifel, die Worte des alten Geheimrates waren eine hohe Auszeichnung für den Redner.

Dann sprach Professor Z., eine Leuchte seines Faches und auf der Höhe seines Ruhmes. Die geschlossene Gedankenführung des Vortrages, so erklärte er, wage er nicht anzutasten. Allein der Redner habe an einer Stelle einen historischen Zusammenhang berührt, mit dem er sich rein zufällig vor einiger Zeit etwas näher befaßt habe, und so sei es wohl gestattet, das Ergebnis seiner Bemühungen hier kurz darzulegen. Und nun stürzte die ganze Wucht einer profunden Wissenschaft über die Versammlung, und jeder fühlte deutlicher denn je: die Leuchte stand wirklich auf der Höhe ihres Ruhmes.

Kaum aber hatte Professor Z. geendet, als sich ein Dr. Niemand stürmisch zum Wort meldete. Er müsse Professor Z. energisch widersprechen ..., doch weiter kam er nicht. Der Leiter der Versammlung, ein in der Führung von Aussprachen wohlerfahrener Mann, unterbrach ihn. Man wolle sich doch an die Reihenfolge der Wortmeldungen halten, sagte er, und erteilte Senator N. das Wort.

Senator N., so wußte ein jeder, hielt es für seine Pflicht, in jeder Aussprache das Wort zu ergreifen. Diesmal schien es ihm notwendig, auf die für die Versammlung so ehrenvolle Anwesenheit des alten Geheimrates besonders aufmerksam zu machen. Die Versammlung zeigte sich gerührt. Den alten Herrn aber traf dieser Anruf unerwartet, denn er war gerade im Begriff gewesen, einzunicken.