Gw., London, Anfang Juli

In London spricht man viel vom Dollar – und meint das Pfund. Und wenn man sich zu der Erkenntnis durchgerungen haben wird, daß man nicht das Pfund, sondern die Preise in Pfund meinen sollte, dann wird der erste Schritt zur Überwindung der „Dollar“-Krise getan sein. Cripps, dessen ständige Appelle zum einfachen Leben auf den Pariser und Brüsseler Konferenzen wie der Ruf nach dem Zölibat in einem Harem gewirkt haben, weiß dies natürlich. Aber was soll man dazu sagen, wenn der sonst so „helle“ New Statesman zürnend den Amerikanern (genauer: den Gegnern Trumans im Kongreß) die Schuld für die britische „Dollar-Krise“ an den Kopf wirft, weil sie den amerikanischen Wirtschaftsrückschlag nicht verhindert haben!

Sicherlich könnten die Amerikaner, neben der Marshall-Hilfe, einiges dazu beitragen, Absatz für europäische Waren in den USA zu ermöglichen. Sie könnten ihre Zolltarife nochmals (und gründlich) daraufhin prüfen, ob sie tatsächlich mit dem Prinzip des international freien Handels vereinbar sind. Sie könnten die hohen Kosten ihres Handelsapparates untersuchen und überlegen, ob es wirklich notwendig ist, daß der Großhandel im Durchschnitt 25 v. H. und der Einzelhandel 66 2/3 v. H. nicht nur auf den, Einfuhrpreis, sondern auch auf den Einfuhrzoll aufschlägt und damit den Konkurrenzkampf für ausländische Waren auf dem USA-Markt erheblich erschwert.

Doch eines wird man den Amerikanern nicht vorhalten können: daß sie es versäumten, ihre Kosten durch technischen Fortschritt und durch eine echte Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern zu senken. Westeuropa wird sich beteiligen müssen – oder aber mit einem Absatzrückgang zu rechnen haber, der in Form geringerer Einfuhren, aus Mangel an Exporterlösen, die alte Weisheit erneut bestätigt, daß Stillstand Rückgang bedeutet.

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Wenn man sich mit den abgeschlossenen, schwebenden und bevorstehenden Dollar-Konferenzen beschäftigt, muß man sich zunächst den Zwang zur Kostensenkung klarmachen, sonst wird man den „Zwang“ zu Dollar-Konferenzen nicht begreifen. Die erste der gegenwärtigen Konferenzserie war der dramatische Kampf des Löwen Cripps gegen die Meute der „Konvertierer“ in der OEEC. Es ging gegen die Umtauschfähigkeit bei den intereuropäischen Krediten unter dem „kleinen“ Marshall-Plan, für die der Kreditgeber zusätzliche Marshall-Dollar erhält. Harriman, Spaak, Petsche und weitere wollten dem europäischen Handel dadurch helfen, daß diese Kredite übertragbar gemacht werden. Cripps wies nach, daß sich, die Spitzen dieser Kredite beim Hauptgläubiger, Belgien, sammeln würden, der dann von England Dollar – und zwar „freie“ Dollar, nicht nur Marshall-Dollar der ECA – bis zu einem Betrage von 50 Mill. $ verlangen könnte. Cripps wies auch nach, daß nicht mehr, sondern weniger intereuropäischen Handel die Folge der Konvertierbarkeit sein müßte, da jedes Land bestrebt sein würde, die Kredite möglichst als „Überschuß“ zu behalten, um am Ende des zweiten Marshall-Jahres Dollar dafür verlangen zu können.

Harriman und Spaak versuchten Cripps klarzumachen, daß diese Kredite sicher gern von Westeuropa zu Käufen in England benutzt werden würden, wenn nur Englands Preise niedriger wären. Doch Cripps möchte erst die englischen Preise fallen sehen, bevor er Europa und vor allem Belgien die Alternative – britische Waren oder britische Dollar – erlaubt. Cripps mußte zwar einer Umtauschfähigkeit von 25 v. H. der „Bezugsrechte“ unter dem intereuropäischen Clearing zustimmen: doch er tat es erst, als es „ungefährlich“ war. Nämlich als Belgien (unter dem in letzter Stunde offenkundig werdenden Druck von Harriman) seine Bereitschaft erklärte, etwaige Forderungen an England, Frankreich und Holland, die zwischen 50 und 110 Mill. £ liegen, gegen 2 1/2 v. H. zu leihen – anstatt Gold oder Dollar zu verlangen.