Die Medizin ist wie ein Frauenzimmer, das mit der Mode wechselt“, sagte August Bier, der unlängst verstorbene Meister ärztlicher Weisheit. In der Tat sind nur wenige Kuriermethoden über Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg in Geltung geblieben und haben damit eine Bewährung besonderer Art erwiesen. Zu ihnen gehören die Trink- und Badekuren an jenen – auch in landschaftlicher und klimatischer Hinsicht zumeist sichtlich gesegneten – Stätten, wo Quellen heilwirksamen Wassers zutage treten. Wesen und Vert dieser Quellen laden zu einer philosophischen Besinnung ein.

Immer handelt es sich um Wasser, das seinen Weg aus den Erdentiefen durch unterirdische Ablagerungen von Mineralsalzen bahnen muß. (Dabei reichert es sich mit Stoffen an, die sowohl hinsichtlich ihrer Zusammensetzung als auch ihrer – zumeist winzigen – Mengen ein Wohlgefüge von Arzneireizen hergeben, das der Mensch auf künstlich-synthetische Weise niemals zu komponieren vermag. Zu den ältesten Beobachtungen der Badeärzte gehört ein Wissen um den spezifischen „Brunnengeist“: nur an Ort und Stelle verwendet, wirkt sich das Wasser heilsam aus. Die chemische Analyse besagt recht wenig über den Wert des Quells, denn wenn man die gleichen Mineralsalze, die von ihr erfaßt und quantitativ bestimmt wenden, im Laboratorium mischt und entsprechend verdünnt, so kommt niemals eine Heilwirkung zustande, die mit der des natürlichen Wassers, wie es den Erdentiefen entquillt, auch nur von fern verglichen werden könnte.

Wahrscheinlich spielen beim Heilquell auch noch die gesundheitswichtigen Spurenelemente – deren systematische, außerordentlich schwierige Erforschung erst in den Kinderschuhen steckt – und gewisse Faktoren weit geheimnisvollerer Art, wie Erdmagnetismus und klimatische Gegebenheiten, eine Rolle. Insbesondere ist zu beachten, daß das zutage tretende heilsame Wasser kein bloßes Lösungsmittel ist, das komplizierte Salzgemische ins Freie frachtet, sondern daß – wie soeben ein führendes medizinisches Fachblatt betont – diese Salzgemische beim unterirdischen Quellverlauf eine durch die natürliche Bodenkchlensäure unterstützte „Potenzierung“ durchmachen. Unter Potenzierung versteht man die Erschließung feinerer Arzneiwerte mit Hilfe eher systematischen Verschüttelung, wie sie durch die Homöopathie eingeführt wurde: nicht um „Yendünnung“ handelt es sich dabei – wie zumeist der Laie meint –, sondern im Gegenteil um eine Erhöhung des eigentlichen, feineren und tiefer wirkenden Kraftgehaltes, so daß zum Beispiel unser gewöhnliches Kochsalz, durch zahlreiche homöopathische Verschüttelungen hindurchgeführt, ein Heil- und Umstimmungsmittel von erstaunlicher Wirksamkeit ergibt. Was hier die Hand des Arzneiherstellers erwirkt, kommt beim Heilquell durch Natutkräfte zustande: das im Boden auf Zickzackwegen umherquecksilbernde, fortwährend sektartig „moussierende“ Wasser fördert ein hochkompliziertes Salz- und Spurenelemente-Gemisch zutage, das gleichsam in einen Zustand allerfeinster biologischer Hochspannung gebracht worden ist.

Wahrhaft weltfromm – im Sinne Goethes – kann uns dabei die Erkenntnis der Tatsache machen, daß jene vorzeitlich abgelagerten Mineralienmassen, aus denen das Quellwasser seine Arzneipotenzen herstellt, keine beliebigen Zufallsanhäufungen sind, sondern unerwarteterweise „Rezepturen“, die bestimmten Leiden des menschlichen Organismus heilsam zugute kommen: gleichsam als habe vor Jahrmillionen schon die Schöpfung, indem sie diese und keine andere Kombination der ablagernden Stoffe zustande kommen ließ, den Menschen vorsorglich im Auge gehabt, der sich in weiter Zeitenferne einmal damit zu kurieren haben würde. Das Wort eines Physikers der Romantik, Johann Wilhelm Ritter, rechtfertigt sich hier: „Auf den Menschen reimt sich die ganze Natur.“

Alle unsere Heilbäder haben ihre sehr spezielle, den Badeärzten jahrhundertelang bekannte Wirksamkeit. Die Anschauungen der Medizin, die zur Erklärung dieser Wirksamkeit im Laufe der Jahrhunderte herangezogen wurden, wechselten, aber die Bedeutung des Quells blieb stets die gleiche. Lediglich während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, als die Medizin wähnte, ausschließlich mit den greif-, meß- und wägbaren Werten und mit den im Laboratorium und im Sektionssaal ermittelten Befunden auskommen zu -können, wollte man die Heilbäder verachten. Obwohl diese Haltung noch bis in die, jüngste Vergangenheit nachwirkte, haben die Bäder sie quellfrisch überlebt. Vor zwanzig. Jahren schrieb August Bier über die unberechtigte „Verachtung alter ärztlicher Beobachtungen“ bei der Einschätzung der Bäder: „Praktiker von großem Ruf schlagen die alte Erfahrung der Badeärzte in den Wind und fahren im Schlepptau einer theoretischen Bücher- und Laboratoriumsmedizin, die lehrt, daß die Mineralquellen bloße Salzlösungen sind und daß ihre größeren und geringeren Wirkungen lediglich von dem chemisch nachweisbaren Gehalt dieser Stoffe abhängen. Diese sich wissenschaftlich nennende und sehr anspruchsvoll auftretende Medizin glaubte nicht nur, Natur und Wert der Mineralquellen analytisch ergründen, sondern nach dieser Analyse auch die natürlichen Wasser mit all ihren Wirkungen synthetisch darstellen zu können.“ Bier gelangt schließlich „zu dem merkwürdigen Ergebnis, daß der Arzt, welcher an Brunnengeister glaubte und seine Kranken in ein Bad schickte, praktisch viel richtiger handelte als der ‚auf der Höhe der Wissenschaft stehende“, der ihnen das Bad vorenthielt, weil er belehrt war, daß es nichts nützen könnte“.

Heute, wo Mikrophysik und Bioklimatik, Ganzheitsbiologie und zahlreiche Grenzwissenschaften uns buchstäblich Tag für Tag neue Welten und Sichten zugänglich machen, ist auch die Medizin längst nicht mehr störrisch angesichts der Wunder aus der Herrgottsapotheke. Hinzu kommt, daß eine Menschheit, die seit Jahren in Trümmern haust und weitgehend an Leib und Seele Schaden genommen hat, ganz instinktiv eine tiefe Sehnsucht nach Oasen und nach jungfräulicher Quellenfrische spürt. Kuren in den deutschen Heilbädern liegen uns somit näher als sonst: Die seelischen Genesungsfaktoren einer noch nicht geschändeten Landschaft und eines bewährten Optimal-Klimas verquicken sich mit der allgemeinen Umstimmungswirkung der Badekur selber und mit denjenigen spezieller Maßnahmen, die auf die Heilung des jeweils vorhandenen Leidens gerichtet sind. Das Mißtrauen, das – nur allzuoft mit Recht – den gehetzten und mannigfach betrogenen Menschen unserer Tage kennzeichnet, darf hier ganz zur Ruhe kommen, denn nicht vergängliche Künsteleien sollen auf den Erschöpften und Genesungsuchenden einwirken, sondern Urkräfte der Natur, die schon zu Goethes, schon zu Karls des Großen Zeiten wohlbewährt, gültig und ein Hort der Verehrung waren; denn wir wissen aus fast allen Jahrhunderten unserer Geschichte von wahren Wallfahrten, die den Quellheiligtümern und Gesundbrunnen galten, um deren sprudelnde Zentren sich heute die Kuranlagen unserer Heilbäder breiten.