Spanischer Bilderbogen: Ausweise, Volksfeste, Soldaten und Geld

Von Paul Fidrmuc

über Spanien wird viel geschrieben. Lob und Tadel halten sich die Waage. Einige behaupten, Afrika beginne bei den Pyrenäen, andere, Spanien sei die letzte Zufluchtsstätte Europas. Alles, was man über dieses Land schreibt, ist wahr und falsch zugleich. Spanien kann man nicht mit dem Verstand begreifen –: Vergleiche ziehen und andere Maßstäbe anlegen, führt für den Fremden zu völligem Mißverständnis und gefährlichen Irrtümern. Schon der römische Kaiser Hadrian, ein Spanier, hat behauptet, „Spanien muß man durch Schauen in sich aufnehmen, nicht mit dem Kopf“.

Spanien ist eine Diktatur. Es gibt nur eine Partei, nur eine Presse, nur den Willen seiner Regierung. Trotzdem ist es das einzige Land Europas mit voller persönlicher Freiheit. Für den Spanier gibt es keine Kennkarten. Er braucht keinen Ausweis, außer in der Grenzzone an der Pyrenäenfront. Auch der „Salvoconduct“, der für Eisenbahnreisen vorgeschrieben war, ist seit Januar 1948 abgeschafft. So streng der Ausländer beobachtet wird, der Spanier kann machen, was er will. Er braucht sich weder im Hotel anzumelden, noch in seiner Wohnung. Er kann sich niederlassen, wo er will, seinen Beruf wechseln, sooft er will; die direkten Steuern sind bei Individualpersonen unbekannt oder lächerlich gering, er kann sich heute eine Latifundie kaufen und morgen einen Fischdampfer, niemand kümmert sich darum. Alles, was er braucht, wenn er arbeitet, ist die „Carla de trabajo“, die Arbeitskarte, die jedermann bekommt. Das einzige Papier, das er sonst noch benötigt – wenn er will – ist die Brotkarte und, wenn er heiratet, die Erlaubnis vom Priester – und die bekommt er auch ohne Geburtsschein.

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Der Spanier ist grundsätzlich gegen jede Regierung. Er ist der eingefleischte Individualist. Napoleon wollte lieber erster in einem Dorf, als zweiter in Paris sein. Der Spanier will weder das eine noch das andere. Er will von der Obrigkeit überhaupt nichts wissen. Spanien ist ein Polizeistaat, aber man sieht kaum in einem anderen Land so wenig Polizisten wie hier. Vor Polizeiwachen, vor öffentlichen Gebäuden und vor Großbanken stehen Doppelposten der kasernierten „Polcia armada“, aber man kann in Groß- und Kleinstädten stundenlang die Straßen durchstreifen, ohne je einen Polizisten zu finden. Auf dem Lande gibt es die Gendarmerie, die „Guardia civil“, mit ihren schwarzen Lackhüten, aber man kann tagelang Dörfer in stark besiedelten oder einsamen Gebirgsgegenden durchwandern, ohne je eine Uniform zu erblicken. Die Siedlungen und oft auch Kleinstädte besitzen überhaupt keine Polizei. Die Bürger sind in den uralten „Somaten“-Vereinen („soccorro me maten“ – „Hilfe, man ermordet mich“) zusammengeschlossen, einer Art Heimwehr, die mit Gewehren ausgerüstet und verpflichtet ist, dreimal oder viermal im Jahre Schießübungen abzuhalten. Sonst aber lebt der Spanier abseits von jedem Behördenbetrieb. Nur in den wenigen großen Städten hat er mit ihnen Berührung. Als die Sommerzeit eingeführt wurde, blieb nicht nur der Bauer bei der alten Zeit. Fragte man ihn: „Wie spät ist es?“ so antwortete er: „Unsere oder die Francouhr...?“ Wie mit der Uhr, so ist es mit allem anderen. Niemand kümmert sich um den wild gestikulierenden Mann, der in einem Café Tod und Teufel auf irgendeinen Bonzen herabwünscht, oder den Jüngling, der im Eisenbahnwagen die Regierung stürzt. Nur wenn aus dem Reden Agitation, aus Drohungen Handlungen werden, schreitet die lautlos funktionierende Staatspolizei ein. Vorher nie.

Die UNO und der Tanz auf der Straße