In diesem Sommer werden die Badegäste nicht nur von der Nordsee und dem Wattenmeer – bei Flut – mit den liebenswürdigsten Wellen empfangen, nein, auch auf dem festen Lande strömt ihnen ein ganzes Meer von herzlicher Zuneigung, endlich erfüllter Sehnsucht entgegen.

So etwas von Erwartung ist seit zehn Jahren nicht dagewesen. Westerland, immer voran, ergriff die Initiative: die Häuser bekamen frische Farben, die manchmal in wohltuender Weise von der Architektonik der Baulichkeiten ablenken. Grünanlagen wurden aufgeputzt, häßliche Flecke im Stadtbild ausgerieben. Schließlich erreichte dieser allgemeine Dienst an der Schönheit einen Höhepunkt durch den inneren Umbau, den das Spielkasino im Kurhaus vornehmen ließ. Aber immerhin sagte mir der Herr über die neue glänzende Welt in einer schwachen Stunde: „Wenn ich daran denke, was wir hier hineingesteckt haben, dann wird mir direkt etwas schwummrig.“

Und eines Tages kam die Stunde der Erfüllung: hoch im Norden – in List –, tief im Süden – in Hörnum –, in der Metropole – in Westerland – und unter den leicht angesnobten Reetdächern der Künstlerkolonie Kampen, überall waren plötzlich merkwürdige Gestalten zu sehen, eingehüllt in eine unsichtbare Wolke von Zuneigung und Verehrung: Die Badegäste. Mit bunten Kopftüchern und messerscharf gebügelten Beinkleidern die Damen, in Wollsweatern und mit bewundernswert kühn gestalteten Mützen die Herren. Und die Nordsee bremste sich selbst und stellte sich auf einen, dem Fremdenverkehr angepaßten vernünftigen Seegang um, die Saison hatte begonnen.

Leben zog in die Gaststätten ein. Die beiden Berliner, die mit einer Mischung aus Optimismus und Melancholie dicht vor den anprallenden Fluten eine niedliche Bar betreiben, warfen ihre ersten skeptischen Blicke auf die große weite See und den einzelnen Besucher, der sich furchtlos ihrem Unternehmen näherte.

Das neue Leben breitet sich nach allen Seiten aus, von der Insel Sylt greift es auf ganz „Insulinde“ über. Ein leckeres Boot der Haine mit dem zärtlich-unverständlichen Namen „Hilligenlei“ führt die Besucher von Hörnum nach den Nachbarinseln Föhr und Amrum, und wenn schönes Wetter ist, wird ihnen an einer Stelle des einst sehr gefährlichen Fahrwassers gezeigt, wo auf dem Meeresgrund noch Wracks zu sehen sind. Von Westerland huschen in kurzen Abständen die neuen Autobusse über die Straße nach Norden, elegant und weit komfortabler als der „Inselexpreß“. List, der nördlichste Badeort, ja, überhaupt der nördlichste Ort Deutschlands, hat den Konkurrenzkampf mit Westerland aufgenommen. Die Dünenlandschaft ist unbestreitbar gewaltiger, der Strand ebenso weiß und ebenso breit, dazu hat für vaterländisch ausgerichtete Badegäste die einstige Militärsiedlung mit den braven Familienhäuschen vielleicht besondere Bedeutung und für vaterlandslose Gesellen bietet sich der sehnsüchtige Ausblick auf das zum Greifen nahe Ausland.

Über den schmalen Teppich des Hindenburgdammes betreten die Besucher die erwartungsfrohe Insel, die Strandkörbe sind zurechtgerückt, ebenso – im Haus – die Rumflaschen und das liebliche Lächeln der Gastgeber. Willkommen, willkommen! B.