Es ist an der Zeit, daß die Flüchtlingsfrage einmal unter anderen Aspekten betrachtet wird als denen der sozialen Fürsorge oder gar der „nationalen Solidarität“. In erster Linie ist sie vielmehr eine politische Frage, und zwar bereits ihrem Ursprung, nach. Nicht so sehr, weil sie das Ergebnis eines verlorenen Krieges darstellt und die Flüchtlinge daraus den Anspruch erheben, daß alle Deutschen in gleicher Weise herangezogen werden müssen, um die entstandenen Verluste zu tragen, sondern um der Beweggründe willen, die zu der Austreibung von 14 Millionen deutscher Menschen geführt haben. Und nur wenn wir uns über diese Beweggründe klarwerden, können wir erkennen, von welchem Gesichtspunkt aus die Flüchtlingsfrage angepackt werden müßte.

Die Massenaustreibung der Deutschen hat ihren Ursprung in einer Forderung Stalins, der in den Tagen des Sieges- und Bündnisrausches die Westmächte für diese abscheuliche „Lösung der Nationalitätenfrage“ gewonnen hat. Stalin ist selbst zweifellos Fachmann auf diesem Gebiet. Eine der bedeutendsten unter seinen Schriften ist die 1913 erschienene Arbeit über den „Marxismus und die Nationalitäten“, die er möglicherweise mit Lenin zusammen geschrieben hat. Dieser Arbeit verdankt er es, daß er nach der Revolution als Volkskommissar für die Nationalitäten in die Sowjetregierung aufgenommen wurde. Sie enthält also authentische. Richtlinien, wie die Frage der Nationalitäten im marxistischen Sinne zu lösen sei. Von der Ausweisung ganzer Völkerschaften ist in ihr natürlich nicht die Rede. Vielmehr erkennt Stalin ausdrücklich an, daß die Nation eine „stabile Gemeinschaft“ auf einem zugehörigen Territorium sei, und daß daher die Nationalitäten selbst zu entscheiden hätten, welchem Staat sie mitsamt ihrem Territorium angehören wollen. Deshalb ist die UdSSR auch als ein Bund „autonomer“ Sowjetrepubliken aufgebaut, der theoretisch aus Gliedern besteht, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben.

In der Praxis allerdings blieb der einzelnen Nationalität das Recht vorenthalten, nach eigenem Willen aus dem Bund auszuscheiden. Stalin selbst ließ am 21. Februar 1921 rote Truppen in seine Heimat Georgien einmarschieren, das Land besetzen und den Anschluß an die Sowjetunion vollziehen, obgleich er neun Monate vorher als Volkskommissar für die Nationalitäten einen Staatsvertrag abgeschlossen hatte, in dem die Unabhängigkeit Georgiens ausdrücklich anerkannt worden war. Auch ist noch zu Zeiten Lenins die Ukraine besetzt und ein Eroberungskrieg gegen Polen geführt worden. In all diesen Fällen setzten sich der russische Nationalismus und der russische Imperialismus gegenüber der bolschewistischen Nationalitätentheorie durch, und nicht anders war es bei der Besetzung von Lettland, Litauen und Estland. Die schauerlichen Verschleppungen von vielen Hunderttausenden aus diesen baltischen Staaten sind gleichfalls von nationalistischen Gefühlen, nämlich von der Furcht diktiert, in diesen für die Landesverteidigung so wichtigen Gebieten eine Bevölkerung zu haben, die die Machthaber der Sowjetunion aus tiefstem Herzen haßt.

Russischer Nationalismus aber und russischer Imperialismus können in keiner Weise der Beweggrund gewesen sein für Stalins Forderung, die deutschen Nationalitäten aus ihren alten Sitzen zu vertreiben. Auch gilt immer noch offiziell die gerade von ihm ausgearbeitete bolschewistische Theorie, daß die Nationalitäten auf ihrem Territorium eine „stabile Gemeinschaft“ bilden. Was also, da es nationalistische Gründe nicht sein können, hat Stalin dennoch dazu bewogen, die Austreibung der Deutschen zu verlangen?

Der amerikanische Staatssekretär Robert Byrnes hat in seiner Stuttgarter Rede von 1946 ein wenig verlegen und entschuldigend gesagt, nach all dem, was geschehen sei, wäre es nicht möglich gewesen, die Deutschen in der Gewalt ihrer Feinde zu lassen, deswegen habe man ihrer Ausweisung zugestimmt. Nun, abgesehen davon, daß man sie gerade der Gewalt ihrer Feinde überließ, die Millionen von ihnen mordeten und die Überlebenden ohne die geringste Habe von Haus und Hof vertrieben, wer wollte glauben, daß sich Stalin von so sentimentalen Beweggründen jemals hätte leiten lassen? Und Churchills Entschuldigung, man habe durch die Ausweisung die Minoritätenfrage endgültig bereinigen und dadurch zukünftige Konflikte ein für allemal ausschalten wollen, wäre gleichfalls als eine Überzeugung Stalins nicht denkbar. Zukünftige Konflikte hätte der Kreml eher begrüßt als gefürchtet.

Nein, Stalins Beweggründe müssen auf einem ganz anderen Felde gesucht werden. Aber es ist nicht so sehr schwer, sie zu finden. Min braucht nicht ein Marxist zu sein, um zu wissen, daß zwischen der sozialen Struktur eines Volkes und seiner politischen Entwicklung ein enger Zusammenhang besteht. Einem bolschewistischen Theoretiker wie Stalin sind solche Erwägungen selbstverständlich besonders geläufig. Nun stelle man sich einmal vor, was in den deutschen Westzonen vorgegangen ist und sich unentwegt weiter vollzieht. In einen Gesellschaftskörper, der durch das Hitlerregime, den Krieg und die Liquidierung der Nazizeit nach dem Krieg ohnehin belastet, verändert und geschwächt worden ist, sind mit einem Schlage zehn Millionen Entwurzelte, Besitz- und teilweise Erwerbslose eingewiesen worden. Daß dies einem Umsturz aller bisherigen Gesellschafts-Schichtungen gleichkommt, ist nur deshalb noch nicht deutlich geworden, weil politische Verhältnisse, Hoffnungen und Entwürfe bisher ein Sichtbarwerden verhindert haben.

Die gegenwärtige politische und soziale Ordnung in Westdeutschland ist das Resultat einer Besetzung durch drei Mächte, die ihr eigenes überkommenes Gesellschaftsbild mit verhältnismäßig geringen Veränderungen durch Kriegs- und Nachkriegszeit gerettet haben, selbst dort, wo, wie in England, der Sozialismus entscheidende Positionen erobert hat. Noch wichtiger aber ist, daß der weit überragende Teil von den zehn Millionen Entwurzelten noch heute keine klare Erkenntnis seiner wirklichen Lage hat. Diese Flüchtlinge wehren sich dagegen, die tatsächliche soziale Stellung, die sie einnehmen, zu sehen oder anzuerkennen. Sie leben so, als ob sie noch ihrer früheren Schicht angehörten, nicht wirtschaftlich, aber in Haltung und Vorstellung. Sie klammern sich an den Gedanken, daß ihre Deklassierung nur vorübergehend sei, sie warten auf eine baldige Rückkehr in die Ostgebiete oder auf großzügige Dotationen aus einem gerechten Lastenausgleich. Man kann ihnen aus dieser narkotischen Betrachtung der eigenen Umstände keinen Vorwurf machen, die Regierungen, die Parteien, die Behörden, mit denen sie in den Westzonen zu tun haben, sehen mit wenigen Ausnahmen genau so narkotisiert und infolgedessen genau so tatenlos auf die Verhältnisse, die durch das Einfließen des Flüchtlingsstromes in die Westzonen geschaffen worden sind