Dichtung ist Offenbarung menschlicher Existenz; – das ist die grundlegende Ansicht, von der aus der Literaturhistoriker der Universität Hamburg, Professor Pyritz, in zwei Vorträgen vor der Jungiusgesellschaft Goethe interpretierte. So steht am Anfang seiner Deutung die Frage nach dem Wesen der goetheschen Persönlichkeit als des Grundes, aus dem seine Dichtung erst voll verstanden werden kann. Diese Frage aber kann nur durch vorsichtig abwägende Interpretation aller Zeugnisse gefunden werden! es gilt die Selbstzeugnisse Goethes noch eingehender als bisher, zu lesen und zu bedenken.

In seinem letzten Vortrag beschäftigte sichPyritz vor allem mit dem alten Goethe. Er zeigte, daß die „geniale Produktivität“ der Jahre seit der antiklassischen Wendung von 1814/15 auf der großen Synthese beruht, in der Goethe die widerstrebensten Tendenzen der vorausgehenden Jahrzehnte zusammenschmolz? die „fruchtbare Dunkelheit“, jener letzte aller Reflexion entzogene Urgrund des Lebens – der Schaffensquelle der Jugend und der frühen Weimarer Zeit – tritt nun wieder in ihre Rechte und hält der unter Schillers Einfluß übermächtig gewordenen „Klarheit des Bewußtseins“ die