Curitiba, Brasilien, Juni 1949

Wer deutsch spricht, nimmt teil am Kollektivstolz auf den großen Goethe, auch wenn er noch niemals etwas von ihm gelesen haben sollte. Goethe und „Faust“ sind identisch und wenn in einer Provinzstadt Brasiliens Plakate eine bevorstehende Faust-Aufführung in deutscher Sprache ankündigen, entdecken auf einmal viele Leute ihr Deutschtum, die man bis dahin schon für beinahe waschechte Brasilianer halten konnte. Leute, deren Eltern schon hier geboren wurden; Leute, die noch niemals „drüben“ waren; Leute, die ein so armes abgegriffenes Deutsch sprechen, daß sie mit wenigen Hunderten von Worten auskommen können.

Es soll ihnen kein Vorwurf daraus gemacht werden; sie können ja nichts dafür. Deutsche Schulen gibt es schon seit zwölf Jahren nicht mehr. Der Gebrauch der deutschen Sprache außerhalb der eigenen Häuslichkeit war jahrelang verboten. Die deutschen Vereine wurden während des Krieges aufgelöst, deutsche Zeitungen hörten auf zu erscheinen, und deutsche Bücher kamen auch nicht mehr herein. Als sich nach Kriegsende alle diese Einschränkungen lockerten, war eine Entwicklung schon bis zum Ende durchlaufen, die einen tiefen Graben zwischen den verschiedenen Generationen der Deutschstämmigen aufriß. Die ganz alten Leute, zum Teil in jüngeren Jahren hier eingewandert, hielten unbeirrbar an der Muttersprache fest und radebrechen das Portugiesisch als fremde Sprache. Die ganz Jungen durchliefen die brasilianischen Schulen, verstehen wohl meistens noch Deutsch, weigern sich aber, es zu sprechen, weil sie als Kinder und Jugendliche falsche Minderwertigkeitsgefühle erwarben, als ihre Eltern schlechter Portugiesisch sprachen als die Eltern der brasilianischen Spiel- und Schulkameraden. Diese Eltern ihrerseits versuchten, die Einbuße an Autorität dadurch auszugleichen, daß sie fast mit Verzückung von allem Deutschen sprachen und den abtrünnigen Kindern gegenüber immer wieder eine Teilhaberschaft an geistigen Werten betonten, die sie – genau besehen – oft selbst nicht recht kannten.

Äußerlich mußten sie der Anpassung des Heimes an Umwelt und Landessitten bis zu einem gewissen Grade den Kindern zuliebe zustimmen und standen somit immer zwischen zwei Feuern: den empörten Großeltern und den der Beeinflussung entgleitenden Enkeln.

Wenn aber dann eine Faust-Aufführung angekündigt wird, dann regt sich plötzlich alter Stolz, und die Elterngeneration schließt sich den Großeltern an. Kinder oder Enkel werden zu fremden Wesen, und im Zuschauerraum reihen sich weiße an graue Köpfe, wenige nicht ergraute dazwischen. Behäbiger Wohlstand und gut untermauerte Lebenssicherheit schaffen eine ruhige, fast satte Atmosphäre, und wenn der Vorhang über Faustens Studierzimmer aufgeht, wirkt der Kontrast zwischen Nüchternheit der Zuschauer und der schönen Sprache Goethes wie ein Schock. Man spürt ordentlich, wie die nur an Filme gewöhnten Beschauer sich einen Ruck geben, um die bescheidenen Kulissen vor sich selbst mit materiellen Schwierigkeiten der Künstlergruppe zu entschuldigen, und man spürt noch viel mehr, wie die Darsteller um die Bezauberung der kühlen Hirne ringen und wie sie das Ausbleiben der Resonanz bedrückt.

Allerdings eine Einschränkung muß hier gemacht werden: an der Entfaltung ihrer besten Leistung werden eigentlich nur die wenigen Berufsschauspieler gehindert, die in opferbereitem Enthusiasmus die ganze Aufführung planten, vorbereiteten und ermöglichten. Die von ihnen geduldig gedrillten Dilettanten bewegen sich völlig ungezwungen und unbekümmert über die den anderen so ungastliche Bühne, verwandeln unversehens Goethes Sprache in holprige Knittelverse und freuen sich, daß man unter der Maske mit hörbarer Zufriedenheit den angesehenen Herrn Müller und das beliebte Fräulein Schulze aus der lokalen guten Gesellschaft wiedererkennt. Der um geistige Sendung bemühte Faust kommt gar nicht gegen sie auf, und Mephisto ist es, der ihm zu Hilfe zu kommen sucht, indem er aus Faustens bösem Geist, dem unheimlichen Verkörperer der ewigen Verneinung und Zerstörung zu einem possenhaften, allzumenschlichen Teufel wird. Goethes Worte werden dabei immer banaler, und man könnte sich ausmalen, welch merkwürdige Vorstellung echte Brasilianer von deutschem Geist und deutscher Mentalität bekommen müßten, wenn sie zufällig der Vorstellung beiwohnten.

Man täte den Zuschauern unrecht, wenn man sie der Unbildung beschuldigen wollte. Aber wo und wann sollten sie erlernt haben, daß man den Faust nicht ansehen, sondern anhören muß?