Vor einigen Monaten hat die britische Regierung Dänemark vorgeschlagen, die deutschdinischen Grenzschwierigkeiten durch direkte Verhandlungen mit der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung zu lösen. Das Ergebnis dieser Verhandlungen, die vor zwei Wochen in Kiel stattfanden, ist ein Angebot der Landesregierung, die nationalen, kulturellen und persönlichen Rechte der dänischen Minderheit gesetzlich zu sichern. Außerdem schlug man von deutscher Seite vor, ein besonderes Grenzkommissariat in Kiel zu errichten, das die dänischen Interessen wahrnehmen soll? Den Leiter dieses Kommissariats dürfen die Dänen selbst bestimmen. – Die Antwort auf dieses deutsche Entgegenkommen gab der Landtagsabgeordnete Olson auf einer Versammlung des SSW in Flensburg: er erklärte, daß die dänische Minderheit in keinem Punkte von ihren ursprünglichen Forderungen abweichen werde und die Kieler Verhandlungen als „unbefriedigend“ empfände.

Der SSW – 1948 als politische Organisation des Dänentums in Südschleswig gegründet – fordert als erstes die Bereinigung der Flüchtlingsfrage in Südschleswig. Dieses Land, das bei der letzten Volkszählung vor dem Kriege 427 966 Einwohner zählte, hatte im Dezember 1948 eine Bevölkerung von 828 595; rund jeder zweite „Schleswiger“ ist also Flüchtling. Die Bevölkerungszunahme hat auf das wirtschaftliche Leben in Schleswig katastrophal gewirkt: in Flensburg ist jeder dritte Werktätige arbeitslos und in Eckernförde ist das Verhältnis noch schlechter. Auch abgesehen von diesen wirtschaftlichen Gründen gibt es leider viele Schleswiger, die sich mit den dänischen Nachbarn mehr verbunden fühlen, als mit ihren deutschen Landsleuten aus Ostpreußen oder Polen.

Die zweite Forderung der SSW verlangt die Abtrennung Schleswigs von Holstein und eine eigene Verwaltung für dieses Land. Auch hier fallen die praktischen Vorteile für den Schleswiger sofort ins Auge. Ergibt sich doch die Chance, von dem durch zwei verlorene Kriege belasteten Deutschland loszukommen und vielleicht eine Zollunion mit Dänemark zu erreichen – dem Land, in dem nach Ansicht vieler Schleswiger immer noch Milch und Honig fließt.

Die dritte Forderung des SSW richtet sich auf den kommenden Friedensvertrag der Alliierten mit Deutschland: in ihm soll die Unantastbarkeit der dänischen Minderheit in Schleswig durch einen besonderen Artikel festgelegt werden, eine Forderung, von der man den Eindruck hat, daß sie zu Recht erhoben wird. In Dänemark selbst geht man freilich noch weiter. Die „Venstre“, eine Partei des in Opposition stehenden konservativen rechten Flügels, verlangt eine „aktive Süd-Schleswigpolitik“, das bedeutet in ihrer Sprache die Einverleibung des Landes bis zur Eider, die einer ihrer Führer noch kürzlich als „historische“ und „Gesinnungsgrenze“ bezeichnete. –

Die sozialdemokratische dänische Regierung freilich hat diese Schleswigpolitik nie zu ihrer offiziellen Politik gemacht. Wahrscheinlich hat sie sich nicht durch die Stimmenzahl der „dänischen“ Wähler in Schleswig täuschen lassen. Bei der Landtagswahl 1947 stimmten allerdings 99 000 prodänisch; das waren gut 40 v. H. aller Stimmberechtigten. Nachdem es bei der Reichstagswahl von 1921 4966 und 1930 sogar nur 1785 waren, fragt man sich, woher dieser enorme Zuwachs der dänischen Stimmen eigentlich kommt? – Im gleichen Jahr, also 1947, in dem fast 100 000 Südschleswiger für Dänemark stimmten, konnten doch nur 5000 dänisch als ihre Muttersprache angeben; eine Zahl, die dem Ergebnis der Wahlen von 1921 und 1930 ja;schon beträchtlich näherkommt. Noch heute ist es in Schleswig so, daß der dänische Redner auf einer dänischen Wahlversammlung deutsch sprechen muß, wenn er sich seinen „Landsleuten“ verständlich machen will. Die mangelnde dänische Sprachkenntnis ihrer Angehörigen, hat die dänische Bewegung durch eine deutschgeschriebene dänische Zeitung „Der Süd-Schleswiger“, die mit einer Auflage von etwa 8000 Stück in Husum erscheint, kommentarlos anerkannt. Der „Flensborg Avis“, die einzige dänische Zeitung im deutschen Schleswig hat eine Auflage von 24 000, wovon freilich ein beträchtlicher Teil ins dänische Reichsgebiet geht. Die Zahl der dänisch Sprechenden hat sich auch heute in Schleswig noch nicht wesentlich erhöht, obwohl es dort heute 63 dänische Schulen gibt mit 14 999 Schülern im Gegensatz zu fünf mit 827 Schülern 1945.

Bei der letzten Landtagswahl im Oktober 1948 gingen die dänischen Stimmen um 7000 zurück. Aber man fürchtet in Südschleswig mit dem Mißtrauen aller Bedrohten, daß die sozialdemokratische Regierung in Kopenhagen sich eventuell nicht halten wird und einer konservativen, die „aktive Süd-Schleswigpolitik“ treiben würde, Platz machen muß. Doch selbst wenn das nicht der Fall sein sollte –: macht die jetzige dänische Regierung sich die drei Punkte des SSW zu eigen (und in der Flüchtlingsfrage tat sie es schon), so ist die Gefahr groß genug, daß eine Volksabstimmung, die Dänemark in mehreren Jahren verlangen würde, einen dänischen Erfolg zeigen könnte, vorausgesetzt, daß weiterhin jedes Jahr 20 Millionen Kronen aus dem dänischen Reichsgebiet nach Süd-Schleswig fließen. Das nämlich ist die Summe, die Dänemark im Jahr 1948 für seine südschleswigsche Minderheit ausgegeben hat und von der die Konservativen fordern, daß sie im Jahr 1948 noch verdoppelt werden solle, p. b.