Der vielgepriesene sozialistische Realismus, den man bei dieser Schau im Haus der Sowjetkultur vorgesetzt bekommt, kann trotz phrasenhafter Verbrämungsversuche selbst den Einfältigsten kaum über die Ausweglosigkeit eines penetranten Eintönigkeitsgefühls hinwegtäuschen. Die konventionellen Tendenzen des ausklingenden 19. Jahrhunderts erleben ihre Auferstehung und bilden die Schleierlegende für das formalistische Schreckgespenst. Ein Land, das sich in allem als das fortschrittlichste wähnt, erweist sich auf diesem Gebiete als das rückständigste. Immer wieder von russischer Seite aufgestellte Behauptungen, daß man die moderne Kunst selbst besessen hätte, sie aber als westeuropäische Verfallserscheinung überwand, bleibt eine Utopie. Wohl ließ man die verschiedenen Strömungen bis 1922 gelten. Aber dann stellte man sie unter das Diktat einer staatlichen Kontrolle. Wie so etwas auszusehen pflegt, erlebten wir in hinreichendem Maße während des Dritten Reiches. So waren Persönlichkeiten wie Chagall, Kandinsky, Archipenko und Lipschitz auf die Entwicklung in der-Emigration angewiesen.

Die im Empfangsstil großer Herrscherhäuser gehaltenen Räumlichkeiten mit dem Prunk schwerer Kristalleuchter und dicker Perserteppiche lassen durch die weißen, duftigen Wolkenstores gedämpft das Sonnenlicht auf die an den Wänden hängenden Kolossalgemälde fallen, die bevorzugt von Schulklassen im pflichtmäßigen Unterrichtsbesuch bewundert werden. Etwa 65 Werke von rund 50 Künstlern ergeben ein kleinbürgerliches Maskenfest der Gefühle, bei dem man bemüht ist, mit der marktschreierischen Plakatwirkung nicht allzu stark aus der gepflegten Umgebung herauszufallen. Sieht man von den national bedingten Charakterzügen ab, könnte man glauben, sich im Hause der Kunst in München zu befinden.

Der Ural, Sibirien, Wolga und Steppe, Sommer-, Herbst- und Winterlandschaften in allen Variationen erscheinen, zum Teil in ihrem romantischen Stimmungsgehalt leicht sentimental gefärbt, als Abgesang einer verklungenen Epoche, Die Segnungen der Kollektivwirtschaft, Ballettmädchen und Arbeitsbrigaden der „Stirn“ und der „Faust“ hängen zwischen Fliedersträußen, Rosen, Äpfeln und Vergißmeinnicht. Von einer Demonstration der Werktätigen – roten Transparenten, überfüllten Straßenzügen und einer majestätisch sich erhebenden klassischen Architektur, geschmückt mit fünfzackigen Sternen als Symbol des Fortschritts – kommt man zu den Porträts verdienter Künstler der UdSSR. Volksmaler, Volksschauspieler und Volksdichter beiderlei Geschlechts, meist im patriarchalischen Alter, dekoriert mit unzähligen Verdienstorden, blicken weit entfernt von einer psychologischen Analyse, mit einem kleinbürgerlich saturierten Behaglichkeitsgefühl auf den Betrachter. Hafenanlagen geben die Sicht auf sich leicht im Wellengang wiegende Kreuzer und U-Boote frei. Von ihren Masten knattern herrisch die Flaggen mit Hammer und Sichel im Abendwind. Ein Held der Sowjetunion, ein verwegener Partisan, die Heimkehr des Herrn Oberstleutnant, die Ankunft eines Feldpostbriefes und ein Ziehharmonika spielender Urlauber im trauten Familienidyll bilden einen kleinen Ausschnitt aus dem Repertoire des volkstümlichen Motivschatzes. Die Galagesellschaft der Fliegerakademie, versüßt durch die Anwesenheit von Damen des Stanislawski-Theaters, und einige Jäger, schwer bepackt mit geschossenen Wildenten, stellen die beiden größten, mit pathetischer Gebärde ins Überdimensionale gesteigerten Werke dar, die mit dem gigantischen Aufwand an äußerer Monumentalität doch nicht über die hilflose Hohlheit der Gestaltung hinwegtäuschen können. Selbstverständlich nicht zu vergessen Väterchen Stalin. Einmal in Marschalluniform, dann wieder in Zivil. Einmal jugendlich im Kreise der Oktoberrevolutionäre (wobei das Militärische der Pistolen und Gewehre durch Empirespiegel und mehrarmige Lüster gemildert wird), dann vor der Kremlmauer als weiser Staatsmann, und schließlich auf dem Balkon seiner Gralsburg, mit der Papyrossi in der Hand, einen versonnenen Blick auf das Weichbild Moskaus werfend. Lenin, Kalinin, Molotow und Maxim Gorkij, im Arbeitszimmer oder in der Natur, redend, nachdenklich, überlegend oder gramzerfurcht. Ein elegisches Blumenparadies à la Ludwig Richter und zärtlich gekräuselte Schäferwölkchen à la Hans Thoma beleben vielfach die trockene Atmosphäre. Oft hat man das Gefühl beim Standphotographen zu sein. Sein stereotypes „bitte recht freundlich“ scheint über der erstarrten Handlung zu liegen. So läßt der wunschmäßige Befehl bei all diesen Darstellungen mit einer idealisierenden Retouche die kulissenhafte Staffage einer entgeistigten Welt zur gedankenlosen Gewohnheit werden. Die Zahl jubiliert über die Idee, das Schema über den Intellekt. Harald Jansen