Der guten Grundsätze sind es viele in der Demokratie; der guten Beispiele schon weniger, doch im Ausland lassen sie sich immer noch finden. Kanada hat dies erneut bewiesen. Bei den in der vergangenen Woche abgehaltenen allgemeinen Parlamentswahlen gewann die liberale Partei des Ministerpräsidenten St. Laurent 193 von 262 Sitzen. Selbst das französisch sprechende Quebec, die Provinz Ontario, bisher Hochburg der Fortschrittlichen Konservativen, und die Provinz Saskatechewan, wo seit jeher die Sozialisten eindeutig führten –: sie alle fielen an die Liberalen. Was ist geschehen? Sind Lokal-Nationalisten, Konservative und Sozialisten über Nacht Liberale geworden? Wohl kaum. Zumindest nur zum geringsten Teil. Den Ausschlag gab etwas anderes. Gab die Erkenntnis, daß der Bevölkerung unter der Herrschaft des liberalen Kabinetts ein Lebensstandard ermöglicht worden war, wie ihn Kanada bisher nicht gekannt hat, und ferner die Einsicht, daß keine andere Partei oder Koalition ein ähnlich fähiges Regierungs-Team auf die Beine stellen könnte. Nicht die Weltanschauung, das politische Können entschied die Wahl. Nicht wegen der liberalen Partei, nein, wegen des liberalen Kabinetts wählte Kanada liberal. Und dieses ließ die Wahl beispielhaft werden.

Beispielhaft für alle Demokratien und also auch für Westdeutschland. Wie wäre es, wenn sich im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl auch die deutschen Parteien entschlössen, ihren Wählern einmal vorher zu sagen, welchen Männern sie die Leitung unseres Staates in der ersten selbständigen Regierung anvertrauen wollen. Leider hörte man bisher nichts dergleichen. Sollten in Deutschland Namen und Leistungen der Parteipolitiker etwa weniger überzeugend klingen, als ihre Programme und Wahlversprechen? C. J.