Von unserem Londoner Korrespondenten

E. Gr., London, Anfang Juli

Der Staat Israel stent. Aber ihm fehlen noch Grenzen, Hauptstadt, eine lebensfähige Wirtschaft und wohlgesinnte Nachbarn. Dafür wächst seine Bevölkerung durch erwünschte und ermunterte Einwanderung um monatlich 20 000 Köpfe. In Lausanne bemüht sich seit Ende April eine Versöhnungskommission der UNO, bestehend aus je einem Türken, Franzosen und Amerikaner, den Waffenstillstand, Israels mit seinen vier Nachbarn in einen Frieden zu verwandeln. Israel will zuerst von den Grenzen sprechen. Aber wo anfangen? Beim Teilungsplan von 1947 oder bei den „gegebenen Tatsachen“ der Fronten von 1949? Und wenn man es bei dem jüdischen Besitzstand des alten Mandatgebiets Palästina westlich des Jordan bewenden läßt, was wird dann aus der ständig, wachsenden Bevölkerung Israels? Wird der Expansionsgeist, der sich aus der Armut des Landes und der Verzweiflung seiner alten und neuen, Bürger nährt, den Krieg erneut entfachen?

„Israel lebt vorerst von ausländischen Spenden und militärischen Erfolgen“, summierte kurz vor dem Waffenstillstand ein britischer Beobachter. Die Verbindung dieser beiden „Lebensquellen“ ist enger als man zunächst annimmt: Mangels militärischer Erfolge haben, nämlich die Spenden der Juden im Ausland erheblich nachgelassen. Die Wirtschafts-Bewölkung in den USA und in Südafrika, der Heimat der reichsten Spender, tut das ihrige. Eine scharfe Pressezensur in Israel kann die Tatsache steigender Preise und sinkenden Lebensstandards nicht verschwinden lassen. Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot haben sich als unfreundliche Paten bei einer schwierigen Geburt eingefunden. „Austerity“, Lebensmittelrationierung und Sozialisierungen, alles nach britischem Modell, sorgen zwar für straffe Zügel in staatlicher Hand, und ernsthafte Anstrengungen einschließlich zwangsweisem Arbeitseinsatz zum Wohnungsbau im Schnellverfahren sollten die Wartezeit in Einwanderer-Zeiten verkürzen helfen. Aber privates Auslandskapital an Stelle der Spenden wird durch hohe Kosten und staatlichen Einfluß abgeschreckt. Und eine internationale staatliche Anleihe setzt friedliche Abstimmung mit, den Nachbarn voraus.

Die Araber wollen von Frieden und von Grenzen nicht sprechen, solange nicht für ihre Flüchtlinge und Vertriebenen gesorgt ist. Von 1,25 Millionen Arabern im alten Palästina sind mindestens 900 000 geflohen oder verjagt. Während, ihre Häuser und Hütten vielfach von jüdischen Obdachlosen bezogen wurden, bevor noch das Herdfeuer erkaltet war, müssen die arabischen Nachbarn und internationale Hilfsorganisationen für 940 000 registrierte Flüchtlinge sorgen. Die Mittel dafür reichen höchstens bis zum 1. November, keinesfalls für den nächsten Winter. Rückkehr? Erst wenn die Grenzen feststehen, sagt Israel. Inzwischen wächst die Not der arabischen Flüchtlinge, wird die Not der jüdischen Einwanderer nicht geringer.

Der dritte Streitpunkt ist Jerusalem. Kann man sich über ihn einigen? Der westlichen Welt schwebt ein international verwaltetes und gesichertes Jerusalem als einzig mögliche Dauerlösung für diese Stadt vor, die 692 Millionen Christen, 310 Millionen Mohammedanern und 16 Millionen Juden heilig ist. Doch weder Araber noch Juden schätzen diesen Plan; für beide ist Jerusalem nicht nur Heiligtum, sondern auch Heimat. Auf dem Boden gemeinsamer Ablehnung einer internationalen Enklave Jerusalem scheint ein gemeinsamer Teilungsplan zu wachsei. Er soll Alt-Jerusalem den Arabern, Neu-Jerusalem den Juden zusprechen. Erst nach einer Einigung dürften die heiligen Stätten der UNO-Verwaltung unterstellt werden. Wenn deren Befugnisse auf ein Mindestmaß begrenzt werden sollen, so wohl nicht zuletzt deshalb, weil kürzlich die Sowjetunion die Nachfolge der russischen Kirche in Jerusalem angetreten und ihre Geistlichen installiert hat. Wird der aus der spirituellen Atmosphäre Jerusalems geborene Teilungsplan für die heilige Stadt dem viel umstrittenen palästinensischen Land den Frieden bringen können? Es wäre höchste Zeit. Viele andere Zeichen, sprechen die Sprache neuer drohender Konflikte: die Wiederaufnahme vertragsmäßiger .. Waffenlieferungen Englands an seine Verbündeten Irak, Transjordanien und Ägypten; das unmißverständliche Nein der britischen Militärs in Akaba zum jüdischen Appetit auf einen Häfen am Persischen Golf; der Boykott der arabischen Staaten gegenüber, dem Außenhandel mit Israel; die Verweigerung von Rohöl-Lieferungen für die britischen Raffinerien in Haifa; und die militante Art, in der Israels Politiker ihre unruhigen Anhänger mit Gerüchten über angebliche arabische Angriffspläne füttern. Juden und Araber müssen erst einmal friedlich miteinander leben. Erst dann kann vielleicht der versöhnliche Rat von Lausame zu einem Friedensvertrag führen.