Durch Dr. Pünder ist kürzlich der Militärregierung eine „Ausarbeitung über das Investitionsvolumen im Vereinigten Wirtschaftsgebiet für die Zeit vom 1. Juli 1948 bis zum 31. März 1949“ überreicht worden. Diese Ausarbeitung, offenbar von der VfW in Höchst stammend, ist eine recht dubiose Angelegenheit, und es erscheint mehr als fraglich, ob sie ihren Daseinszweck zu erfüllen vermag: nämlich, die Bipartite-Instanzen davon zu überzeugen, daß die westdeutsche Wirtschaft die geforderte „Vorleistung“ in der Kapitalbildung erfüllt habe, womit also dann der Freigabe größerer Mittel aus den Counterpart Funds, als einer „Gegenleistung“ der Besatzungsmächte, der Weg gebahnt wäre In der Ausarbeitung werden die Brutto-Investitionen auf 11 Milliarden DM geschätzt, wovon 5 Mrd. auf die normale Abschreibungsquote entfallen sollen, also „Aufwendungen für Unterhaltung, Ersatz und Erneuerung der Anlagen“ – Ersatzinvestitionen – darstellen. Bleibt demnach eine Netto- oder Neuinvestition von 6 Mrd., die zu 0,72 Mrd. aus Kapitalkredit finanziert worden sein soll, zu 1,15 Mrd. aus der öffentlichen Hand; 2,33 Mrd. soll die Selbstfinanzierung erbracht haben, und die restlichen 1,80 Mrd., so wird geschätzt, stammen aus kurzfristig, gegebenen, zu Investitionen verbauten Krediten. In Höhe dieses Betrages besteht also ein Konsolidierungsbedarf, und die künftige Kapitalbildung ist vorbelastet mit der Aufgabe, kurzfristig gegebene Gelder in dieser Höhe durch mittel- und langfristig festzulegende Mittel (Fremd- und Eigenmittel) abzulösen.

Die gewerblich-industrielle Produktion und der Geld und Kapitalmarkt sind (jeder Vergleich hinkt) ein Siamesisches Zwillingspaar. Der Mai brachte – eigentlich zu allgemeiner Überraschung – nach der Stagnation der letzten Monate schon wieder eine kräftige Aufbesserung der Indexziffern für die Erzeugung in der gewerblichen Wirtschaft. Haben die doch erst teelöffelweise gereichten Kredite mittel- und langfristiger Art bereits einen solchen Breitenerfolg haben können? Gewiß haben sie ihren Anteil – aber allein können sie den Fortschritt nicht für sich verbuchen. Uns scheint, daß noch etwas anderes, höchst Erfreuliches, wieder einmal in Aktion getreten ist. Es ist das Vertrauen auf die weitere Wirtschaftspolitik Erhards, also eine positive Spekulation auf die angekündigten Kredithergaben. Die Unternehmerwirtschaft hat damit eines ihrer (stets große neue Kräfte mobilisierenden) Aktiven als Vorschuß an Frankfurt eingesetzt und erwartet nun die Verwirklichung der Kreditversprechungen.

Die kreditwirtschaftliche Lage ist dabei nicht allein auf der Nachfrageseite durch den Bedarf an Investitionsmitteln bestimmt, sondern wird auch noch stark belastet aus Milliardenbeträgen früher getätigter langfristiger Anlagen mit kurzfristigen Geldern. Man schätzte daß 1,80 Mrd. DM dieser Kredite deshalb festgefroren sind, weil die Eigenkapitalbildung nicht Schritt halten konnte, weil viele Finanzierungen, nicht zuletzt solche der öffentlichen Hand, die ja immer so gern und mit leichter Verantwortung „Unternehmer“ vorleben will, Fehlinvestitionen waren, ferner weil der Rückgang in der Preisbewegung eine nachträgliche Finanzierung der Investitionen aus laufenden Überschüssen nicht mehr ermöglicht und endlich, weil die originäre Geldschöpfung aus Erstausstattungen, Umstellungen usw. ausgelaufen ist.

Wir sehen in dieser Milliarden-Hypothek, an der speziell die Reichsbahn mit erheblichen Summen beteiligt ist, auf die Dauer eine Erschwerung, wenn nicht gar Gefährdung der finanzwirtschaftlichen Gesamtlage. Die Aufgabe wäre also eine Ablösung der kurzfristig gegebenen Kredite durch langfristige Darlehen. Die Anregung liegt nahe, daß man sich an die einstige erfolgreiche Tätigkeit der Industriebank erinnern sollte, die ab 1919 bedeutende Umschuldungen solcher Art vorgenommen, hatte. Ein alter Stab erfahrener Männer aus dieser Zeit sitzt heute in der Düsseldorfer Industriekreditbank, steht also praktisch zur Verfügung.

Wenn eine solche Umschuldung durchgeführt würde, dann müßten wohl zwei Bedingungen erfüllt werden. Diese sind: Erstens, der verschuldete Betrieb hat mit Hilfe der erhaltenen langfristigen Mittel seine kurzfristige Schuld gegenüber der Geschäftsbank ganz oder teilweise abzudecken, und zweitens: die Geschäftsbank des Betriebes übernimmt, mit Hilfe der aus dieser Schuldabdeckung gewonnenen Liquidität, Obligationen der Industriekreditbank AG. Das heißt also, man muß dem Umschuldungsinstitut mittelfristige Bankobligationen schaffen, wobei man die Schweizer Bankobligationen als Vorbild nehmen könnte Die Laufzeit wäre etwa zwei Jahre. Diese Papiere müssen ein Geldmarktpapier werden, das von Bank zu Bank gehandelt wird. Dadurch erhalten diese Titel einen „mittleren LiquiditätsgradDiese mittelfristigen Obligationen der Industriekreditbank Düsseldorf wären fernerhin als Zwischenlösung gedacht, bis das Düsseldorfer Institut als Rechtsnachfolgerin der (Berliner) Industriebank anerkannt ist, so daß die Obligationsschuld der alten Berliner Bank mit einer noch auszurechnenden Quote übernommen werden kann.

Dieser Umschuldungsvoreang schafft – und das erscheint eminent wichtig – kein neues Zentralbankgeld. Der Finanzstatus der auf festgefrorenen Krediten sitzenden Banken aber ist entlastet, und die bis dahin verschuldeten Betriebe sind bilanzmäßig saniert. Die Geschäftsbanken, d. h. schlechthin die Kreditinstitute, vermögen. nun dank verbesserter Liquidität wieder Kredite zu geben. Praktisch wäre also die vorhandene Geldmenge besser ausgenutzt und der Liquiditätsgrad der Wirtschaft gestiegen.

Aber der Vorgang braucht noch nicht zu Ende zu sein. Das Zentralbanksystem müßte sich vorbehalten, die von den Geschäftsbanken aufgenommenen mittelfristigen Obligationen der Industriekreditbank lombardfähig zu machen. Dies würde die Marktfähigkeit wesentlich erhöhen. Mit dem Augenblick, in dem nun ein Lombardieren beginnt, wäre der Übergang von der Umschuldung zur Finanzierung von Investitionen mit zusätzlichem Geld vollzogen. Die Bank deutscher Länder müßte die Mittel dazu, nämlich für die lombardierten Obligationen, aus Mitteln der Counterpart Funds beleihen.

Im Grunde genommen klingt alles sehr leicht, und das ist es auch. Das Bestechende an diesem Projekt ist eben die Einfachheit. Hinzu kommt, daß „alles schon mal dagewesen ist“ und wir aus den Erfahrungen der großen Umschuldungen in den zwanziger Jahren für heute die günstigen Folgerungen nur zu pflücken brauchten. Wir wissen, daß diese und ähnliche Gedanken schon mehr oder weniger ernsthaft in kleinen Zirkeln unserer führenden Bankleute erörtert werden, und wir möchten meinen, daß nun die Zeit reif sei, an ein solch nun wirklich grundlegendes Projekt heranzugehen. Rlt.