Auf der Bühne“, sagte sie, „darfst du mich nicht richtig küssen, du mußt es imitieren. Verstehst du, ein Theaterkuß“, sagte sie.

„Ein Theaterkuß“, sagte ich, „was ist das?“

„Es ist so“, sagte sie, „wie sich die Leute auf den Bahnhof küssen.“

„Mal sehen“, sagte ich, und wir gingen hin.

Wir standen auf dem Bahnsteig und hielten uns an der Hand; ihr kurzes Kleid flatterte leicht im Windzug, der die überdachte Halle durchstreifte. Da war auch ein Schild: Eilzug nach Hagen i. W. über Dieringhausen, Gummersbach ... Leute stiegen ein, schlugen die Türen zu; andere blieben draußen stehen. „Dies ist ein falscher Zug“, sagte meine erste Liebe. Sie war ein Jahr älter als ich, nämlich fünfzehn, und spielte in der Schüleraufführung ein Tagelöhnerkind, das, weil es ein Reh gerettet hatte, von dem Oberförster zehn Mark erhält und einen Kuß. Aber ich war großer als sie und besaß eine Vogelbüchse. Deshalb war ich Oberförster geworden, und die Verantwortung über den Zehnmarkschein und den Kuß ruhte auf mir. Aber man glaube es oder nicht –: weder in den Abteilen des Zuges nach Hagen, noch auf dem Bahnsteig, noch irgendwo in der Nähe wurde geküßt.

„Es ist ein Eilzug“, sagte ich. „Die Leute sind zu eilig.“

Sie aber sagte: „Laß die dummen Witze. Es wird wohl eher an Hagen liegen. Je weiter östlich, desto weniger wird geküßt, Münster zum Beispiel ...“