Meine erste Liebe

Auf der Bühne", sagte sie, "darfst du mich nicht richtig küssen, du mußt es imitieren. Verstehst du, ein Theaterkuß", sagte sie.

"Ein Theaterkuß", sagte ich, "was ist das?"

"Es ist so", sagte sie, "wie sich die Leute auf den Bahnhof küssen."

"Mal sehen", sagte ich, und wir gingen hin.

Wir standen auf dem Bahnsteig und hielten uns an der Hand; ihr kurzes Kleid flatterte leicht im Windzug, der die überdachte Halle durchstreifte. Da war auch ein Schild: Eilzug nach Hagen i. W. über Dieringhausen, Gummersbach ... Leute stiegen ein, schlugen die Türen zu; andere blieben draußen stehen. "Dies ist ein falscher Zug", sagte meine erste Liebe. Sie war ein Jahr älter als ich, nämlich fünfzehn, und spielte in der Schüleraufführung ein Tagelöhnerkind, das, weil es ein Reh gerettet hatte, von dem Oberförster zehn Mark erhält und einen Kuß. Aber ich war großer als sie und besaß eine Vogelbüchse. Deshalb war ich Oberförster geworden, und die Verantwortung über den Zehnmarkschein und den Kuß ruhte auf mir. Aber man glaube es oder nicht –: weder in den Abteilen des Zuges nach Hagen, noch auf dem Bahnsteig, noch irgendwo in der Nähe wurde geküßt.

"Es ist ein Eilzug", sagte ich. "Die Leute sind zu eilig."

Sie aber sagte: "Laß die dummen Witze. Es wird wohl eher an Hagen liegen. Je weiter östlich, desto weniger wird geküßt, Münster zum Beispiel ..."

Meine erste Liebe

Wir standen noch eine Weile herum, und es ging ein junger Mann vorbei, ein richtiger Laffe. Er trug einen dummen Hut und schwang ihn, als er meine erste Liebe erblickte. Sie nahm gleich eine Haltung an, als hätte sie einen Stock im Rücken, und nickte wie eine Dame mit dem Kopf. Als sie wieder bequem stand, sagte ich: "Wir wollen uns den Zug nach Paris ansehen!"

Als der junge Mann gegrüßt und meine erste Liebe einen steifen Rücken bekommen hatte, da hatte es mir einen Stich ins Herz gegeben; wußte nicht, warum. (Bei ersten Lieben weiß man nie, warum.) Überhaupt, ich hätte es am liebsten gesehen, wenn wir – falls schon Theater hätt’ sein müssen – den "Turmgeist von Grauenfels" gespielt hätten. Da wär’ die einzige weibliche Rolle ein veritables Schloß-Gespenst gewesen, ein nicht-küssendes Wesen. Aber der Primus der Oberprima hatte den "Schuß im Walde" geschrieben, und sein Freund hatte aus Pappe das notwendige Reh gemacht; es war eine Attrappe, die einem Schäferhund aufgesetzt wurde, einem sehr zahmen Hund, der mir gehörte und der, wenn wir den "Turmgeist" gespielt hätten, als Wolf aufgetreten wäre.

"Na schön", sagte meine erste Liebe, und wir gingen eine Treppe hinunter, einen Gang entlang, eine Treppe hinauf und da standen wir am D-Zug nach Paris.

O du meine Güte! Wie wurde da geküßt! Eine Tante mit einer Hutschachtel stand im Mittelpunkt eines Verwandtenkreises und hielt ihre Wange reihum hin. "Das ist nichts", sagte meine erste Liebe. Ein Herr im Pelzmantel nahm von einer Dame im Pelzmantel Abschied –: sie ließen ihre Lippen schmal und hart werden und stießen kurz mit den Schnäbeln zu wie Vögel, die aus demselben Körnernapf picken. "Das ist es", sagte meine erste Liebe. Aber in einem Abteil, drinnen im Zuge nach Paris, da wurde anders geküßt. Herüber und hinüber. Ich nahm meine erste Liebe am Arm, zeigte auf die männliche Silhouette hinter der Scheibe und sagte zum Spaß: "Der beißt!"

Sie wurde rot, schlug mir beleidigt auf die Hand und ging weg. Ging einfach weg. Hinter dem Laffen mit dem Hut her, den ich eben noch an der Treppe hatte stehen sehen...

*

Harras als Reh wirkte sehr natürlich. Er ließ sich im Licht der Bühne willig von meiner ersten Liebe an der Leine ziehen. Aber auch einer von den Waldbäumen war sehr natürlich. Und als das Reh daran schnupperte und ein Bein hob, hatte diese Szene den ersten großen Beifall beim Publikum. Auch versuchte das Reh andauernd, mit seinen Pfoten sich den Kopf abzustrafen. Ich war darüber sehr erfreut, denn meine erste Liebe hatte mich, seitdem wir die Bühnen-, beziehungsweise Bahnhofsküsse studiert hatten, recht vernachlässigt. (Wir liebten uns erst seit den Theaterproben, und ich fühlte dumpf, mit der Premiere würde unsere Liebe zu Ende sein.)

Meine erste Liebe

Ich hatte – weiß nicht, warum – eine Wut auf meine erste Liebe. Ich war als Oberförster ziemlich streng mit ihr, brüllte sie richtig an, und auch das Reh, das sichtlich mehr auf meiner als auf ihrer Seite stand, fing an zu knurren. (Großer Erfolg beim Publikum.) Endlich kam unser Kuß, unser erster Kuß. Sie machte die Lippen scharf, als ich mich, laut Regie, zehn Mark zahlend "gütig über sie neigte". Sie stieß mit ihrem Schnabel ruckartig zu; man hätte Angst kriegen können... Nun aber Harras, das Reh!

Das Reh knurrte kurz, sprang herzu und – biß ihr ins Bein. (Das Publikum war glücklich.)

Als der Vorhang gefallen, sagte meine erste Liebe "Idiot" zu mir. Ich aber neigte mich gütig über das Reh, das sich vor den Augen des Publikums längst in einen Hund verwandelt hatte. Wer war denn wirklich meine erste Liebe? Harras, mein Hund, der mir (das ist bei der ersten Liebe so wichtig wie bei der letzten) treu wie Gold war, schon seit zehn Jahren...