Wir standen noch eine Weile herum, und es ging ein junger Mann vorbei, ein richtiger Laffe. Er trug einen dummen Hut und schwang ihn, als er meine erste Liebe erblickte. Sie nahm gleich eine Haltung an, als hätte sie einen Stock im Rücken, und nickte wie eine Dame mit dem Kopf. Als sie wieder bequem stand, sagte ich: "Wir wollen uns den Zug nach Paris ansehen!"

Als der junge Mann gegrüßt und meine erste Liebe einen steifen Rücken bekommen hatte, da hatte es mir einen Stich ins Herz gegeben; wußte nicht, warum. (Bei ersten Lieben weiß man nie, warum.) Überhaupt, ich hätte es am liebsten gesehen, wenn wir – falls schon Theater hätt’ sein müssen – den "Turmgeist von Grauenfels" gespielt hätten. Da wär’ die einzige weibliche Rolle ein veritables Schloß-Gespenst gewesen, ein nicht-küssendes Wesen. Aber der Primus der Oberprima hatte den "Schuß im Walde" geschrieben, und sein Freund hatte aus Pappe das notwendige Reh gemacht; es war eine Attrappe, die einem Schäferhund aufgesetzt wurde, einem sehr zahmen Hund, der mir gehörte und der, wenn wir den "Turmgeist" gespielt hätten, als Wolf aufgetreten wäre.

"Na schön", sagte meine erste Liebe, und wir gingen eine Treppe hinunter, einen Gang entlang, eine Treppe hinauf und da standen wir am D-Zug nach Paris.

O du meine Güte! Wie wurde da geküßt! Eine Tante mit einer Hutschachtel stand im Mittelpunkt eines Verwandtenkreises und hielt ihre Wange reihum hin. "Das ist nichts", sagte meine erste Liebe. Ein Herr im Pelzmantel nahm von einer Dame im Pelzmantel Abschied –: sie ließen ihre Lippen schmal und hart werden und stießen kurz mit den Schnäbeln zu wie Vögel, die aus demselben Körnernapf picken. "Das ist es", sagte meine erste Liebe. Aber in einem Abteil, drinnen im Zuge nach Paris, da wurde anders geküßt. Herüber und hinüber. Ich nahm meine erste Liebe am Arm, zeigte auf die männliche Silhouette hinter der Scheibe und sagte zum Spaß: "Der beißt!"

Sie wurde rot, schlug mir beleidigt auf die Hand und ging weg. Ging einfach weg. Hinter dem Laffen mit dem Hut her, den ich eben noch an der Treppe hatte stehen sehen...

*

Harras als Reh wirkte sehr natürlich. Er ließ sich im Licht der Bühne willig von meiner ersten Liebe an der Leine ziehen. Aber auch einer von den Waldbäumen war sehr natürlich. Und als das Reh daran schnupperte und ein Bein hob, hatte diese Szene den ersten großen Beifall beim Publikum. Auch versuchte das Reh andauernd, mit seinen Pfoten sich den Kopf abzustrafen. Ich war darüber sehr erfreut, denn meine erste Liebe hatte mich, seitdem wir die Bühnen-, beziehungsweise Bahnhofsküsse studiert hatten, recht vernachlässigt. (Wir liebten uns erst seit den Theaterproben, und ich fühlte dumpf, mit der Premiere würde unsere Liebe zu Ende sein.)