Bedenkt man, daß solche Veranstaltungen Ja nicht stapelweise vollgültige Neuheiten und druckreife Talentproben herausbringen können, sondern neben einigen starken Trümpfen bestenfalls einen vielseitigen Überblick geben, die Urteilsbildung anregen und schärfen sollen – dann dürfen der Hessische Rundfunk Frankfurt als Gesamtleiter sowie der NWDR Hamburg, der Südwestfunk Baden-Baden und die „Internationalen Ferienkurse für neue Musik“ in Darmstadt mit Genugtuung auf die diesjährige „Woche für neue Musik“ zurückblicken. Es war seit Kriegsende die umfassendste Unterrichtung über den neuen Musikstil in seinen längst fixierten Grundrichtungen und seiner möglichen Weiterentwicklung. Dem künstlerischen Leiter Heinz Schröter (Radio Frankfurt) und Dr. W. Steinecke, dem Begründer und Leiter der Kranichsteiner Ferienkurse, ist zugleich ein Meeting gelungen, bei dem Nachwuchs und Arrivierte, jugendliche Kursusteilnehmer (aufgeschlossen kritisch!) und Komponisten, reproduzierende Künstler, maßgebliche Presseleute des In- und Auslands zu Information und Diskussion reichen Anlaß fanden, Die geistige Stoßkraft wird sich kaum unmittelbar, aber desto mehr in der Klärung des Blicks und in der Dauer der Anregung auswirken. Eine Bilanz des Gebotenen muß freilich das Belanglose übergehen, um Problematisches zu notieren und das Wesentliche herauszustellen.

Vier Sinfoniekonzerte, fünf Kammermusiken mit fünfzehn Ur- und Erstaufführungen (für Deutschland) in acht Tagen! Das meiste Interesse verdienten von den uraufgeführten Neuheiten, der Fortnerschüler Hans Werner Henze und seine elegisch impressionabeln „Improvisationen“ (über eine Trakl-Strophe) für Cembalo, vier Bläser, Streichquartett und Altsolo: weil darin die Zwölftonlehre recht undoktrinär und frei benützt ist und das erstaunlich instrumentgemäß behandelte Cembalo in der viel Klangsinn verratenden Partitur die zentrale Funktion innehat. Der seit je als formbedacht, aber auch als etwas herb und trocken bekannte Schweizer Conrad Beck wußte sich in einer Klaviersonatine verbindlicher zu äußern. Rolf Liebermanns „Chinesisches Lied* (eine dramatische Szene für Alt, Tenor und Klavier) blieb, Zwölftonchromatik und sperrige Intervalle mit Debussy-Klängen kreuzend, im Jugendstil-Pathos und in der Expression des mittleren Schönberg (George-Lieder und Monodramen) stecken. Für das Streichquartett des Seklesschülers Wolfgang: Niederste-Schnee genüge „verdünnter Hindemith“ als hinlängliches Prädikat, und eine Musik für Bläser, Klavier und Schlagzeug, Strawinsky- und Jazzelemente so flau wie langstielig mischend, fiel vollends flach.

Unter den erstmals auf deutschen Podien erklungenen Werken bot Paul Hindemith mit seinem Klavierkonzert von 1945 (gespielt von Carl Seemann) und der Cellosonate von 1948 Ludwig Hoelscher) die konsistent-lockere Signatur eines durch die Krise der Form und der Tonalität hindurchgegangenen Stils; und dennoch bedauerte man, daß bei solch handwerklicher Vollreife hinter dem Exemplarischen des „Tonsatz“-Lehrers die schöpferischen Impulse zurückgetreten sind. Das (bereits bekannte) Konzert für zwei Streichorchester und die Tenor-Kantate „Boyhood’s End“ (ein Abschied von Jugend und Heimatnatur) zeigten Michael Tippett als einen dort von Händel, hier von Purcell inspirierten Tonsetzer: nirgendwo gesucht „modern“, sondern sympathisch ehrlich in der Faktur, die durch ihr Gleichgewicht anspricht und etwas von humanistischem College-Geist in sich trägt. Zu dieser klaren, direkten Schlichtheit, ja angenehmen Nüchternheit empfand man die „Visions de l’Amen“ für zwei Klaviere von Olivier Messiaen als ein zwischen Ideologien und Mystik schwankendes, In Lisztschen Glockenkaskaden und sakralem Jazz bravourös schwelgendes Gegenstück. Noch meh: als bei der romantisch epigonalen zweiklavierigen Sonate von Hans Henkemans gehört es sich, daß man über Normand Lockwoods „Weekend Prelude“, ein Radaustück aus Zirkus Barnum und Heilsarmee, und über die vierzig Jahre nach Schönbergs op. 11 und 19 wirklich kümmerlichen Klavierstücke von René Leibowitz zur Tagesordnung weitergeht. Schwach und gesucht wirkte auch (trotz Peter Stadlens vierkonzert von Ernst Krenek Was dagegen mit dem Zwölftonprinzip bei noch so konsequenter Anwendung zu machen ist, zeigte der mit südlichem Temperament markant, klar, locker und sensibel musizierende Italiener Mario Peragallo mit seiner Musik für doppeltes Streichquartett.

Der Zwölftonmeister Arnold Schönberg selbst hatte mit seinem Violinkonzert op. 36 (bei geigerisch eminenter Interpretation durch Tibor Varga) wie mit seinem vierten Streichquartett op. 37 nur bei den Rechtgläubigen Bewunderung, auf der anderen Seite eisigen Respekt oder Ablehnung für seine überabstrakte, die tönende Faßbarkeit mit der konstruktiven Form verdrängende Stildokumentation zu verzeichnen. Er kam aber auch mit Beispielen aus seiner mittleren und frühen Schaffenszeit (hinreißend mit einem Soprangesang aus den „Gurre-Liedern“) zu Gehör. Daß am Begriff und an der Lebensfähigkeit neuer Musik nicht zu rütteln ist, wurde durch ausgezeichnete Aufführungen älterer und neuester Standardwerke erwiesen, ganz besonders für Strawinsky („Sacre“, „Orpheus“) und Bartok (3. Klavierkonzert und Sonate für 2 Klaviere mit Schlagzeug). Das Hamburger (Schmidt-Isserstedt) und das Badener (Rosbaud) Funkorchester waren dem Frankfurter an Schliff und Disziplin um einiges überlegen. Aus der Vielzahl der Solisten und Ensembles, die ihre Kräfte in den Dienst dieser aufschlußreichen Werkschau stellten, verbietet der Raum auch nur die hervorragendsten zu nennen.