Die schweizerische Insel des Friedens hat neben diesem ehrenvollen Vorzug auch den Nachteil, Tummelplatz dunkler Elemente aller europäischen Länder zu sein, die die friedlichen Eidgenossen mit ihren heimischen Revolvermethoden ängstigen. Das war vor 1945 so und ist heute nicht viel anders.

Der eben in Winterthur abgeschlossene Prozeß gegen den rumänischen Staatsbürger Vitianu ist ein typisches Beispiel. Herr Vitianu überstand die deutsche Besetzung Rumäniens und das Regime der Eisernen Garde noch als Salomon Witzmann. Erst als die Russen kamen, wurde daraus „Vitianu“. Zunächst beschäftigte er sich – mit Methoden, die wir mir ahnen können–mit der Ausschaltung privater, insbesondere ausländischer Konzerne aus der rumänischen Wirtschaft. Dann beschloß er, sich die kommunistischen Sporen durch Erpressung von Auslands-Rumänen zugunsten der Volksdemokratie zu verdienen und verlegte sein Wirkungsfeld in die Schweiz. Das erste Opfer war Hugo. Ramniceannu, der toter „schweren Androhungen von Freiheitsentzug und anderen Nachteilen“ um 300 000 Fränklis erleichtert wurde. Der aus Rumänien emigrierte Lederfabrikant Karres erhielt unter tätiger Assistenz von Vitiana nur 36 000 Dollar statt der vereinbarten 150 000 für seine rumänischen Werke im Werte von einer Million Dollar. Und dergleichen einbringliche Fälle mehr.

Aber nicht nur von diesen Delikten Vitianus war während der Gerichtsverhandlung die Rede, sondern auch von Politik. Es wurde über das Verhältnis von Staat und Partei philosophiert, ohne daß es klar gewesen wäre, ob Vitianu nur im Auftrage der Partei oder auch des Staates handelte. Aus dem vielen Material, vor allem aus den Aussagen seines Vorgängers, fügte sich das Bild eines uns nicht unbekannten Systems zusammen: Die „Siguranta“ gleicht der Gestapo wie ein Ei dem anderen. Vitianu ist in diesem Apparat nicht nur ein kleiner Agent in der Schweiz, sondern offensichtlich die „Graue Eminerz für Wirtschaftsfragen der kommunistischen Partei Rumäniens“.

Als er 1947 nach der Schweiz kam, wurde er von der Polizei bald, als einer der gefährlichsten kommunistischen Agenten im Lande beobachtet. Es nützte ihm nichts... daß er sich im Sommer 1948 als Handelsattache der rumänischen Gesandtschaft in Bern angliedern ließ: – Das Material gegen ihn war reif, er wurde entgegen den Protesten des rumänischen Außenministeriums und trotz Repressalien gegen in Rumänien lebende Schweizer verhaftet und nach bewegter Gerichtsverhandlung wegen Wucher, Wirtschaftsspionage und Korruption zu achtzehn Monaten Zuchthaus verurteilt. Der Prozeß hat manches wieder in Erinnerung gerufen, zum Beispiel, daß die Organe eines Polizeistaates sich nicht auf ihr eigenes Hoheitsgebiet beschränken: Manches ist aber auch ungeklärt geblieben, zum Beispiel, was Moskau dazu sagt, daß Anna Pauker im Ausland Geldquellen durch und für ihre Agenten erschließt, statt das Geld befehlsgemäß der Kominform zur Verfügung zu stellen. W. G.