Ein autoritäres Regime hat es nicht nötig, das Staatsvolk über Ergebnisse und Absichten seiner Außenpolitik zu unterrichten. Das wissen wir aus eigener Erfahrung. Wir würden daher fehlgehen, wollten wir in Wyschinskis ausführlichen Erklärungen an die Prawda und an die Iswestija einen politischen Rechenschaftsbericht über die Pariser Konferenz erblicken. Im Gegenteil, das Interview des sowjetischen Staatsmannes ist nicht Rückblick auf das Pariser Ergebnis, wie etwa die Berichte der anderen Außenminister in ihren Hauptstädten, sondern in sich bereits wieder aktive Sowjetpolitik in konsequenter Fortführung der mit der Wiederaufnahme der Viererbesprechungen eingeleiteten Taktik.

Wyschinskis Siegesfanfaren an die Adresse des russischen Volkes und seine angebliche Rettung des Prinzips der deutschen Einheit sind abgespielte Platten. Weltpolitisch wirklich wichtig sind nur diejenigen Teile seiner Auslassungen, von denen wir annehmen müssen, daß sie ganz bestimmte Eindrücke bei seinen westlichen Gegenspielern hervorrufen sollen. Wie etwa ist der Satz zu verstehen, die Sowjetunion würde auf Gegenseitigkeit zu noch größeren Konzessionen an die Westmächte bereit sein? Wie jene Aussage. er hielte die internationale Entspannung für einen der wesentlichsten Pariser Erfolge?

Es lohnt sich nicht, lange Spekulationen über den Sinn dieser Flötentöne anzustellen, da schlagartige Erfolge der Rede Wyschinskis in der westlichen Bourgeoisie die Frage nach ihrem Zweck bereits beantworten. Sprecher des Foreign Office geben ihrer Befriedigung über Wyschinskis Konziliant Ausdruck! Englands wirtschaftliche Lage werde sich durch den wachsenden Ost-West-Handel und durch eine schnelle Erschließung von Ernährungs- und Rohstoffquellen in den Nicht-Dollar-Ländern des Ostens entscheidend bessern. New Yorks Wallstreet Journal schreibt, es sei nun nicht mehr zu bestreiten, daß die Sowjetunion eine gewaltsame Unterwerfung Europas aufgegeben habe. Marschall-Plan, Atlantik-Pakt und militärisches Hilfsprogramm hätten damit ihren Sinn verloren.

Wir sind erschüttert von diesem einschläfernden Erfolg der Rede des Herrn Wyschinski. Wir haben nicht vergessen, daß bis 1939 die These der internationalen Finanz: You can do Business with Hitler“ jede Bekämpfung der deutschen Diktatur von innen oder von außen unmöglich gemacht und unser ganzes Volk irregeführt hat. Ein verwerfliches System wird „dadurch nicht gerechtfertigt, daß man gute Geschäfte mit ihm machen kann. Wenn wir den Bolschewismus ablehnen und bekämpfen, dann müssen wir auch der Versuchung widerstehen, mit erwiesenen Hochstaplern Handel zu treiben, nur weil sie immens reich sind. Der Westen muß seine in Paris offenbarte Stärke aus eigener Kraft entwickeln und ausbauen, auch ohne Business mit Stalin. Ein Kompromiß mit der Tyrannei, das ist das gefährliche Spiel, zu dem der Kreml den Westen verlocken will, weil er weiß, daß die Aussicht auf klingenden Verdienst die Abwehr-Instinkte außer Kraft setzt. C. D.