Von unserem Sonderkorrespondenten Ernst Samhaber

Die Nachrichten aus Nordamerika haben die Wirtschaftler in Südamerika sehr beunruhigt. Die große Konjunktur, die nach einer Zeit kurzer Schwankungen im Jahre 1945 seit Kriegsende von einem Höhepunkt zum anderen schritt, beginnt abzuflauen. Die Preise sinken. Damit brechen manche Hoffnungen zusammen. Viele hochfliegende Pläne müssen eingeschränkt werden, und daraus wiederum entstehen Folgen, deren Ausmaß sich zunächst nicht absehen läßt.

Chile wird am stärksten durch das Fallen des Kupferpreises getroffen. Mit einer durchschnittlichen Kupferausfuhr von 500 000 Tonnen im Jahr ist Chile das größte Kupferausfuhrland der Erde. Fast die Hälfte seiner gesamten Ausfuhr wird vom Kupfer bestritten, und die Einnahmen aus dieser Industrie machen rund ein Drittel der Staatseinnahmen aus. Rechnen wir dazu, daß die Kupferausfuhr den wichtigsten Devisenbringer darstellt und daß mit den Devisen wiederum die Einfuhr und die Einfuhrzölle eng verknüpft sind, so verstehen wir, daß der chilenische Finanzminister jede Bewegung auf dem Weltkupfermarkt mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.

Nun liegt die chilenische Kupferausbeute fast ausschließlich in nordamerikanischen Händen. Die großen Kupferfirmen, wie die Gugggenheim, die Kennecot und die Braden Copper, beherrschen die maßgeblichen Kupferminen in Chile. Sie haben einen Staat im Staate aufgebaut. Ob ihre Minen hoch oben im Gebirge liegen, wie El Teniente, oder in der Wüste, wie Chuquicamata und Potrerillos, um nur die größten zu nennen, immer haben sie ihre Arbeiterschaft in eigenen, neugeschaffenen Arbeitersiedlungen zusammengefaßt, wo sie von der Kupferfirma untergebracht, verpflegt und bekleidet werden. Alles gibt es in den Ladengeschäften zu kaufen, die von der Minengesellschaft unterhalten werden. Kupfer zahlt auch keinen Ausfuhrzoll, da dieser sofort die Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten stören würde, von denen Chile abhängig ist.

So hat die chilenische Regierung einen anderen Weg gefunden. Sie ist durch die Einkommensteuer an den Gewinnen der Kupfergesellschaften beteiligt. Arbeiten sie mit Verlust, so bleibt der chilenischen Volkswirtschaft von der Kupferausbeute nur der Anteil, der auf die Arbeiterlöhne entfällt, und auch von diesen wird ein nicht unbeträchtlicher Teil in den Ladengeschäften für eingeführte Artikel ausgegeben. In Zeiten hoher Kupferpreise mag eine solche Regelung sehr vorteilhaft sein, denn dann steigt der chilenische Anteil sehr rasch an, aber in schlechten Zeiten sinkt er entsprechend schnell bis zu einem Punkt, an dem er nahezu verschwindet. Der chilenische Finanzminister hat ausgerechnet, daß allein der Preissturz des Kupfers Anfang Juni eine Mindereinnahme von einer Milliarde chilenischer Pesos für seine Kassen bedeutet. Er hat dementsprechend sofort sehr empfindliche Einschränkungen in allen öffentlichen Ausgaben verlangt. Das führt dazu, daß mitten in die Hitze lebhafter Spekulation auf allen Gebieten mit der Tendenz allgemeiner Preissteigerung nun der kalte Wind der Einsparungen hineinschlägt.

Bei solchen Gelegenheiten spürt Südamerika, wie sehr es in den Jahren nach dem Kriege von der nordamerikanischen Hochkonjuktur gelebt hat, die zunächst getragen wurde von der Umstellung von der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft, dann aber in den letzten Monaten ausschließlich von der neuen amerikanischen Aufrüstung. Es scheint nun so, daß diese Aufrüstung allein nicht mehr ausreicht, um die ganze Fülle der nordamerikanischen Erzeugung aufzunehmen.

In den Vereinigten Staaten selbst können verschiedene staatliche Maßregeln das Absinken der Konjunktur auffangen. Je mehr jedoch die Nordamerikaner sich mit Hilfe ihrer Kapitalmacht zu sichern versuchen, desto banger wird für die Südamerikaner die Frage: Wo bleiben wir? In den Vereinigten Staaten ist bereits vom Senat angeregt worden, den Kupfereinfuhrzoll wieder einzuführen, der vor zwei Jahren aufgehoben wurde, um die inländische Kupferknappheit zu bekämpfen. Damit verliert Chile seinen größten Absatzmarkt. Wohin soll es sich wenden?