Rennfahrer, Namensvettern und Eiscreme aus Frankreich

Giganten der Landstraße

Paris, Anfang Juli

Am 30. Juni hat – zum 36. Male – das größte Radrennen Europas, die „Tour de France“, begonnen. 25 Tage lang werden die „Giganten der Landstraße“ über die Straßen rollen. Wenn die lange Reise zu Ende ist, haben die Fahrer 4779 Kilometer zurückgelegt, sind über Spaniens, Italiens, der Schweiz und Belgiens Grenzen gefahren und über Berge geklettert, deren höchster, der „Col d’Izeran“, 2769 Meter mißt.

Das größte Radrennen Europas ist ein großes sportliches Ereignis, gleichzeitig aber ein noch viel größeres Geschäft, weniger für die Fahrer als für die Veranstalter. Die „Tour de France“ stellt ein monströses kaufmännisches Unternehmen dar mit Tausenden von Angestellten und einem Umsatz von mehr als hundert Millionen Franken. Zwar erhält der Sieger 1949 eine Million und die siegende Mannschaft eine weitere Million – doch die Summen, die die Veranstalter verdienen, werden schamhaft verschwiegen. Jedenfalls entfällt von den Gesamtausgaben – das sind fast 70 Millionen Franken – gerade ein Siebentel auf die Hauptbeteiligten, nämlich die Rennfahrer. Wie wird diese Summe aufgebracht – und nicht nur diese, sondern eine erheblich höhere?

So merkwürdig es auch erscheinen mag: hier muß die Geographie zu Hilfe genommen werden. Denn es ist doch sonderbar, wenn man die Karte der diesjährigen „Tour“ betrachtet, daß Großstädte wie Lyon und Nizza außerhalb der Route liegen, und eine Kleinstadt wie Briançon Etappenende ist. Warum? Weil jede Stadt, in der die „Tour de France“ eine Nacht verbringt, einen Beitrag leistet, der zwischen zwei und vier Millionen Franken schwankt. Da die Stadtverwaltungen von Nizza und Lyon nicht zahlen wollten, wurden sie „bestraft“.

Das Durchfahren oder gar Übernachten der Riesenkarawane ist für eine Stadt ein Riesengeschäft. Tausende von Sportbegeisterten strömen herbei und geben Geld aus, ganz zu schweigen von den 430 Hotelzimmern, die in jeder Etappe von der „Tour“ selbst benötigt werden. Monate vor Beginn des Rennens kommen Briefe an den Organisationsausschuß, in denen die Bürgermeister von Kleinstädten und sogar Dörfern darum ersuchen, daß das Rennen durch ihren Ort geleitet werde. Es ist bekannt geworden, daß die Geschäftsleute einer kleinen Stadt in den Hochalpen voriges Jahr am Tage der „Tour“ mehr umgesetzt haben als sonst in einem Monat.