Von Karl N. Nicolaus

Dem Menschen wohnt der Hang inne, die „Götter“ oder Pseudo-Götter, die er verehrt, von Angesicht zu Angesicht schauen zu wollen und mit ihnen in einen, und sei es auch nur vagen, persönlichen Kontakt zu kommen Dies natürliche Bestreben der Leute ist für viele „Götter“ verhängnisvoll. Die Beispiele werden es zeigen ...

Erstes Beispiel: In der Stadt, in der ich lebe, hat Theo Lingen, der zu jenen Zelluloidgöttern gehört, an welche die Menschen ihr Herz gehängt haben, „ein Gastspiel absolviert“ – wie man dergleichen nennt. Er hat sich seinen Verehrern und Verehrerinnen von Angesicht zu Angesicht gestellt. Ergebnis? Ein Mann, der vordem ein Verehrer Theo Lingens war, sagte: „Für mich war’s eine Enttäuschung.“ Zweites Beispiel: Eine Verehrerin Paul Hörbigers kam zu folgendem Urteil, nachdem er „getingelt“ hatte: „Ach, der soll mir gestohlen bleiben ...“

Es scheint, daß die populären Künstler die Gefahr des „Tingelns“ unterschätzen. Sie huldigen offenbar dem Wahn, daß sie mit ihrem Charme – diesen Charme in allen Ehren! – nur durch die Straßen zu gehen brauchten, und schon würden sich Auflaufe von Leuten bilden, die mit Huldigungsrufen die Provinzstadt erfüllen. Und dann treten sie auf ein Podium und geben sich nicht die geringste Mühe. Aber es ist nicht so, daß „für die da in der Provinz“ auch das Schlechteste noch gut genug ist. Nichts verzeiht das Publikum so schwer, als wenn es nicht für voll genommen wird.

Da trat zum Beispiel in unserer Stadt ein weiblicher Filmstar auf – der Name sei verschwiegen –, der vom Zelluloid her als eine der schönsten Frauen des Kontinents sich im Bewußtsein der Leute eingenistet hat. Dieses holde Geschöpf nun ging völlig unvorbereitet auf die Bühne, stammelte einige Belanglosigkeiten über kommende Filme, in denen sie eventuell auftreten werde, und sang dann ein Liedchen, daß es einem einfach die Stiefel auszog. Auch hier die Wahnvorstellung: „Mein Scharm wird’s machen! Wenn ich nur die Hüften ein bißchen schwenke, dann klatschen die Leute schon!“ Irrtum, holde Göttin! Sie vergessen, daß die Menschen, um Sie zu schauen, sich von raren, schwer erarbeiteten D-Mark trennen mußten! Sie vergessen, daß es hübsche Mädchen, die sich in den Hüften zu wiegen verstehen, allerorten gibt.

Gewiß, die Leute sind filmstar-gläubig. Aber sie sind genau so bereit, einen Austausch der Objekte ihrer Anbetung vorzunehmen. Wofür Gert Fröbe, der Darsteller aus der „Berliner Ballade“, ein Beispiel ist, der in einer Auswahl-Mannschaft von Prominenz auftrat und sich so ins Zeug legte, daß er alle anderen an die Wand spielte. Bisher war er „da hinten in der Provinz“ noch nicht so bekannt gewesen; jetzt aber lag er plötzlich ganz vorn. Er rang – wenn man so sagen kann – rang noch offen und ehrlich um das Publikum. – Es scheint so, daß die Selbstüberschätzung der eigenen Person der Intensität des Spiels in hohem Maße abträglich ist. Neue Kräfte drängen nach und kommen zum Zuge, weil die alten in geradezu fahrlässiger Weise ihren Lorbeer vertun. Es ist gut, daß nur die Intensität entscheidet. Hängt den alten Lorbeer an die Wände oder sonstwohin! In diesem Sinne ein hundertfaches Vivat den neuen Gesichtern!

Auch anläßlich von Interviews entwickeln manche Stars ein erstaunliches Talent, sich selbst Abbruch zu tun. Um einen Fall zu nennen: Da sollte kürzlich – wie süddeutsche Blätter melden – Hans Albers in Stuttgart von einem Funkreporter des Radio interviewt werden. Es wurde ein Termin ausgemacht, dann aber bat der Rundfunk, das Interview möge um einen Tag verschoben werden, weil der „Interviewer“ infolge eines aktuellen Anlasses verhindert sei. Als der Funkreporter sich anderntags entschuldigte, daß er am Vortage nicht kommen konnte, weil er auf dem Flughafen Echterdingen drei Stunden auf Staatspräsident Müller und Minister Carlo Schmidt von Württemberg-Hohenzollern hatte warten müssen, die im Sonderflugzeug aus Paris eintreffen sollten, erwiderte Hans Albers: „Was ich dem deutschen Volke zu sagen habe, ist genau so wichtig wie das, was ein Staatspräsident zu sagen hat. Es tut mir leid, es geht heute abend nicht. Sie waren gestern angemeldet...“ Da kann man im Hans-Albers-Ton wohl bemerken: „Otto, Otto, bleib auf’m Teppich!“