Von unserem Londoner Korrespondenten

Jeder Krieg bringt bedeutende industrielle Umstellungen; der letzte Krieg scheint auch die Industrialisierung der Landwirtschaft kräftig gefördert zu haben. Jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck aus einigen Untersuchungen, die kürzlich über die britische Traktorenindustrie, einen immer selbständiger werdenden Zweig der Autoindustrie, angestellt worden sind. Die allgemeine Motorisierung, der Wunsch größtmöglicher Ausnutzung des Bodens, die gestiegene Kaufkraft des Farmers und des Bauern und nicht zuletzt die Anpassung der landwirtschaftlichen Löhne an die industriellen haben es der Traktorenindustrie erleichtert, in der Nachkriegszeit erhebliche Absatzsteigerungen zu erreichen. Das gilt nicht nur für England und für seinen Absatz auf amerikanischen, europäischen und Empire-Märkten. Auch die USA und die kontinentaleuropäischen Erzeuger von Traktoren konnten über einen bedeutenden Aufschwung im Absatz berichten.

Der Rückschlag für Agrarpreise in den USA scheint jedoch die Farmer in aller Welt wieder einmal an ihre traditionell vorsichtige Ausgabenpolitik zu erinnern. Zwar ist noch in keinem Lande die Rede von Verlusten in der Landwirtschaft; die Preissenkungen sind vielmehr Berichtigungen von Preisüberhöhungen, die sich aus der vorübergehenden Knappheit nach Kriegsende ergaben. Trotzdem muß man mit sehr viel vorsichtigeren Dispositionen der Farmer rechnen. Die britische Traktorenindustrie fühlt sich jedenfalls in ihren Absatzaussichten seit einigen Wochen sehr eingeschnürt. Neben der Bauernvorsicht scheint auch der Sterlingmangel in manchen Weichwährungsländern mitzuspielen. Die Tatsache, daß England sich dem Ausgleich seiner Zahlungsbilanz (jedoch noch nicht seiner Dollarbilanz) nähert, bringt die Kehrseite mit sich, daß der Sterling langsam wieder zu einer „halb-harten“ Währung wird.

Die Zurückhaltung der Farmer beim Einkauf würde nicht so sehr auffallen, wenn nicht die britische Traktorenindustrie sich die Siebenmeilenstiefel angezogen hätte. In zehn Jahren hat sich die Traktorenerzeugung in England verzehnfacht, von 10 200 auf 117 500 Traktoren. Die Kapazität ist noch stärker gewachsen. Schätzungen einer möglichen Jahresleistung von 180 000 bis 200 000 Traktoren fußen auf einer gründlichen Analyse der von den Produzenten gemachten, offenherzigen Angaben. Allerdings muß bei dem Kapazitätsvergleich berücksichtigt werden, daß ein britischer Produzent, Ferguson, 1947 aus den, USA „heimgekehrt“ ist, nachdem er (vor dem Kriege) sich mit Henry Ford verbunden hatte, in dieser Kombination 1938 bis 1946 mehr als 300 000 Ferguson-Traktoren produziert worden sind. Jetzt hat Ferguson, in Zusammenarbeit mit dem britischen Standard-Auto-Konzern, eine Produktion in zwei Werken anlaufen lassen. Die wöchentliche Produkton hatte Anfang 1949 rund 1500 Traktoren erreicht, als die Absatzschwierigkeiten begannen. In zwei Etappen mußte die Produktion auf weniger als 1000 wöchentlich gesenkt werden. Das bedeutet, neben einer Reihe von Entlassungen, Kurzarbeit für mehr als 4000 Arbeiter, die jedoch einen Mindestlohn von 5 £ erhalten. – Der zweite große Produzent, die britische Ford-Gesellschaft, die über eine Kapazität von 60 000 Traktoren jährlich verfügt und im vergangenen Jahre etwa 50 000 Stück hergestellt hat, scheint bisher noch nicht so drastische Kürzungen vorgenommen zu haben. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daß dieses Unternehmen seinen gegenüber Vorkriegszeiten auf etwa das Fünffache erhöhten Absatz halten kann, wenn die Farmervorsicht anhält. Der dritte Großproduzent, Nuffield-Morris, ist mit seiner Entwicklung noch am Anfang und will sich auf einen schwereren Traktor von mehr als 2 t Eigengewicht legen – mit einer Kapazität, die bis Ende 1950 auf 5000 Stück jährlich anwachsen soll.

Selbst vor Beginn der Kaufzurückhaltung war die Aufnahmefähigkeit des britischen Marktes auf höchstens 40 000 Traktoren jährlich geschätzt worden, so daß bis zu 160 000 Traktoren jährlich den Weg ins Ausland finden müßten, wenn die Industrie ihre Siebenmeilenstiefel ausfüllen soll. Bei einer Ausfuhr von 69 000 Traktoren im Werte von 18,5 Mill. £ 1918 scheint das Zukunftsmusik, selbst wenn die Landwirtschaft ihre Industrialisierung fortsetzen sollte. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß, von der Wachstumsgeschwindigkeit abgesehen, hier ein Beispiel für eine neue, sowohl lebens- als auch entwicklungsfähige Industrie vorliegt. Sie hat aus privater Initiative heraus und in Anlehnung an die ebenfalls sehr erweitern britische Autoindustrie eine billige Massenproduktion von mittleren Traktoren (der Ferguson wiegt etwa 1,2 t) entwickelt, die ein wichtiger Faktor am internationalen Traktorenmarkt bleiben wird.