Butter, Schlachtvieh, Demonstrationen und General de Gaulle

Von Jean-Charlot Saleck

Paris, Anfang Juli

Der klägliche Verlauf der Vier-Minister-Konferenz im Palais Rose und der bisher mißglückte Versuch, mit Hilfe des Exkaisers Bao Dai von Annam in Indochina zu retten, was zu retten ist – zwei Ereignisse, die für Frankreich deswegen wichtig sind, weil sie früher oder später in unangenehmer Weise von außen auf das Land einwirken, können –, sind bei der französischen Öffentlichkeit auf große Indifferenz gestoßen. Während der letzten Wochen hat die Innenpolitik allein das Feld beherrscht, und dies entspricht durchaus dem, was man (falls solche Verallgemeinerungen zulässig sind) als die durchweg anzutreffende Empfindungsart der Franzosen feststellen muß.

Für den gaullistischen und den moskowitischen Block, für eine Fraktion der Sozialisten und einige kleinere Gruppen des Parlaments ist es eine ausgemachte Sache, daß das Kabinett Queuille den Oktober nicht überleben dürfe. Die Opposition von rechts tut alles, um die Öffentlichkeit auf den Sturz vorzubereiten; die von links sucht jetzt schon, sich dafür zu rechtfertigen. Die Gaullisten wollen aber mehr als das Verschwinden des konservativen Queuille und seines buntscheckigen Kabinetts; sie wollen Neuwahlen, wobei sie behaupten (und sie stützen sich auf die ihnen günstigen Ergebnisse der letzten Gemeindewählen), daß die Zusammensetzung des Parlaments seit langem nicht mehr der Volksstimmung entspreche. Die Regierungsparteien aber, von den besitzschützenden Radikalsozialisten angefangen über die Volkspartei (MRP) bis zu den Sozialisten, sind überzeugt, daß sie es sind, und nicht die Oppositionen von rechts und links, für welche die Zeit arbeitet und lehnen das Verlangen nach Neuwahlen ab. Ihre Zuversicht stützt sich zunächst auf die augenfällige, wenn auch bei näherer Prüfung bescheidene Besserung der Verhältnisse ...

Der Druck der Unzufriedenheit

Die Inflation, bis vor kurzem noch das Übel aller Übel, ist gebremst; sie ist vielleicht sogar – sinken die Ausgaben des Staates – endgültig gebannt. Das Gold und der Kurs der Valutenaktien sind an der Pariser Börse um ein Drittel gefallen, während die französischen Titel sich durchweg hielten. Dies und die Lockerung der Zwangswirtschaft werden bei den nicht zu unterschätzenden couponschneidenden Schichten fraglos als ein solider Erfolg für Queuille und Petsche gebucht. Bis auf Zucker, Kaffee und Reis sind alle Lebensmittel im freien Handel. Man sollte meinen, dieses doppelte Resultat sichere der Regierung Beliebheit und Bestand. Es herrscht aber eine immer bedenklicher werdende, von der Opposition freilich stark geschürte, Unzufriedenheit in der Arbeiterschaft, in dem ruinierten Mittelstand und sogar bei den Bauern, die (außer in den verwüsteten Gebieten) wahrhaftig fette Jahre hinter sich haben und heute das meiste Gold besitzen.