Einige Bemerkungen zu den gegenwärtigen Streitgesprächen über die sogenannte aktive Konjunktur- und Kreditpolitik

Horrido, die Jagd geht auf! Früher hatten wir unsere Land- und Gaugrafen; sie hetzten den habenden Eber und den grimmen Bären im Spessart – heute stoßen die Länderminister ins Horn, wenn sie zur wilden Hatz gegen den zornigen Erhard und den bösen Bernard ausziehen ... Eine ausgesprochen sportliche Note (nur, daß von sportlicher Fairneß dabei nicht recht gesprochen werden kann) ist neuerdings in unsre wirtschaftspolitische Diskussion gekommen. Und der Himmel mag wissen, was wir bis Mitte August noch an weiteren Rekorden dieser Art zu erwarten haben’

Das zweite Semester

Die Ressortminister kommen also zusammen und erheben Anklage: mal, daß nicht genug gebaut werde, mal, daß eine vermeidbare Arbeitslosigkeit entstanden sei. Schuld hat in jedem Falle die Wirtschaftspolitik, speziell die Kreditpolitik, ganz speziell die Politik der Restriktionen. Und dabei waren wir uns vor drei Wochen, als wir den ersten Geburtstag der neuen Währung feierten, auf der ganzen Linie so schön einig über die Notwendigkeit und den Erfolg dieser Wirtschafts- und Kreditpolitik und speziell der Restriktionsmaßnahmen! Daß diese letzteren schon seit Monaten hinfällig sind, daß längst eine Politik der Kreditauflockerung betrieben wird, scheint übrigens den Kritikern bis heute noch nicht geläufig zu sein.

In der großen Meute, die mit den Länder-Ressortministern zur Hatz aufgebrochen ist, finden sich recht seltsame Stallgefährten zusammen: Gewerkschaftler und Liberale, Praktiker der Wirtschaft, die aus eigener Erfahrung wissen, was „Geldklemme“ heißt, und Professoren, die für die reine Lehre von Keynes streiten – oder die ihre Hoffnungen auf die Labour Party gesetzt haben. Soweit in diesem Zusammenhang die Theorie bemüht wird, spielt das zweite Semester eine bedeutsame Rolle. Heute wisse bereits jeder Student im zweiten Semester, so heißt es also, was ein Notenbankpräsident oder ein Wirtschaftsminister offenbar nicht zu wissen brauche: nämlich, wie man aktive Konjunkturpolitik zu machen habe und wie sie theoretisch fundiert sei. Nämlich auf der Lehre, daß erst der Kredit das Sparen ermöglicht. Es sei grundsätzlich nicht möglich (und schon gar nicht in unsrer derzeitigen Lage), Investitionen aus der laufenden Produktion (will sagen: aus deren Ersparnissen) zu schaffen – will sagen: zu finanzieren. Wer derartiges versuche, müsse jedenfalls dabei eine deflatorische Krise in Kauf nehmen, weil ein solcher Kaufkraftentzug eine schwere Absatzstockung nach sich ziehe. Wörtlich weiter: „Deshalb kann es nicht mehr heißen: erst sparen, dann ausleihen und damit investieren – sondern: erst mit Krediten neue Kaufkraft schaffen, damit investieren, damit produzieren, daraus sparen und die Kredite zurückzahlen.“ In zugespitzter Formulierung heißt das also, die Kredite ermöglichen das Sparen, und nicht umgekehrt, wie es die landläufige Meinung besagt: daß erst gespart werden muß, damit Kredite gegeben werden können.

Die Praxis des „als ob“

Diese Theorie ist nicht nur kühn, sie ist sogar richtig (und übrigens nicht gerade neu). Sie hat nur den einen, allerdings entscheidenden Nachteil: daß sie der Praxis, speziell der Zentralpolitik, keine Richtschnur für ihr Handeln in die Hand gibt. Praktisch setzt sich diese Lehre von der originären Kreditschöpfung nämlich immer nur gegen den Willen der Bankpraktiker durch ... Selbst sofern sie die Theorien kennen und sie sogar als richtig anerkennen, steht ihre geschäftliche Praxis doch – unter dem Zwange eines „als ob“: sie müssen so handeln, als ob die altüberkommene Theorie noch immer unerschüttert wäre. Wer von ihnen versuchen wollte, ganz bewußt und planmäßig neben der laufenden Produktion auch noch irgendwelche Investitionen durch Kreditschöpfung zu finanzieren, würde ja immer Gefahr laufen, die Teufel der Übernachfrage (alias Inflation) loszulassen: weil ja dann zu der regulären Kaufkraft, deren Umfang dem laufend bereitgestellten Sozialprodukt entspricht, noch die weitere zusätzliche Kaufkraft aus der Kreditschöpfung hinzutritt. Und: weil man eben nie wissen kann, in welchem Maße und wie schnell die latente Kaufkraft, die in Form stillgelegter Gelder vorhanden ist, wieder aktiv wird ... Solange sie latent bleibt, herrscht Unternachfrage, Flaute, Stockung. Aber wie schnell kann sich das doch ändern! Und wenn dies geschieht: wie schwer ist es dann, den inflatorischen Prozeß wieder abzustoppen und die Flut der inzwischen eingetretenen Erhöhungen und Überhöhungen der Preise und Kosten in das alte Bett zurückzuzwingen, also einen angemessenen Kosten- und Preisstand wiederherzustellen ... Wir wissen das ja schließlich aus unsrer jüngsten, knapp neun Monate alten Erfahrung.