Von Josef Marein

Im diesen Blättern haben wir – vier Wochen sind’s her – schon zitiert, was Thomas Mann in seinem Buche „Wie Dr. Faustus entstand“ berichtete: das Höllenkapitel in seinem letzten Roman sei nicht denkbar „ohne das innere Erlebnis der Gestapohaft“. Wir haben bei dieser Gelegenheit auch an Frank Thieß erinnert, der bekanntlich das Wort von der „inneren Emigration“ geprägt hat. Der eine ging, ließ sich in Kalifornien nieder, aber innerlich saß er in Haft; der andere blieb, doch innerlich war er ausgewandert. Weil diese Feststellung seit vier Wochen Anstoß erregt hat, lohnt es sich heute zu fragen, wozu der liebe Gott den Menschen, und zumal den Dichtern, eigentlich die Sprache geschenkt hat...

Natürlich, es ist nicht schwer, sich auszumalen, was unsere Dichter sagen wollten. Der eine mußte zwar gehn, aber ihm blieb bewußt, was er in Deutschland zurückgelassen: seine Jugend, seinen ersten Ruhm, einige Freunde, denen er sein Mitgefühl bewahrte, seine Leser – ja, auch seine Leser, die Romane wie „Die Buddenbrooks“ und den „Zauberberg“, vor allem die von echtem Dichtertum geformten Novellen zu den großen Leistungen deutscher Literatur zählen. Der andere blieb, obwohl ein böser Stern über Deutschland aufgegangen war, an den er nicht glauben konnte; er blieb daheim, obwohl ein Tyrann die Heimat regierte, dem er innerlich die Gefolgschaft versagen mußte, auch wenn es vielleicht nicht immer so schien. Das war es wohl, was die beiden Dichter sagen wollten. Aber haben sie es gesagt? Haben sie nicht das fast Umgekehrte gesagt, das halbe Gegenteil? Nicht zuletzt darum ist es ihnen passiert, daß sie Gegner wurden: Mann und Thieß. Die Sprachverwirrung hatte auch sie ergriffen, die babylonische Sprachverwirrung, die längst ein Weltunglück geworden ist.

„Innere Gestapohaft“ ... „Innere Emigration“ ... Bedeutet das Wort „Innere“ denn die Negation der Wirklichkeit? Antwortet man neuerdings, anstatt „Ich war nicht in Haft“ mit: „Ich bin’s innerlich gewesen“? Der Sachverhalt war so: Wer emigrierte, nahm das Leid der Heimatlosigkeit auf sich, das Joch der Fremde, die Gefahr von Hunger, Krankheit, Tod; dafür lebte er im Glück der Freiheit und ohne das dumpfe Vorgefühl, eines Tages seinen zudiktierten Anteil Kollektivschuld tragen zu müssen. Wer blieb, genoß das Glück, daheim zu sein; aber er hatte zu gehorchen, hatte stramm zu stehen; Granat- und Bombensplitter flogen ihm um die Ohren und Häusertrümmer schichteten sich über ihn, und die Gefahr von Hunger, Krankheit, Tod war auch nicht gerade knapp bemessen; viele gerieten in Gestapohaft, und nicht nur „innerlich“. Die deutschen Literaten aber, die daheim blieben – zumindest die Literaten muß er ja gemeint haben – nannte Thomas „Ofenhocker“, über denen schließlich „der Ofen zusammengebrochen“ sei. Das Schicksal der Emigration – das ist nicht leicht; das Schicksal, daheim geblieben zu sein, ist auch nicht leicht gewesen. Und es ist nicht nur für Frank Thieß ein hartes Stück, solches Wort von einem Mann zu hören, der – „innerlich“ von der Gestapo inhaftiert – tatsächlich in komfortablem Haus und komfortabler Landschaft saß, wohin zu emigrieren die allermeisten seiner Landsleute übrigens das Geld nicht hatten. Sie hätten es sonst vielleicht auch ganz gern getan ...

‚Wo bleibt die Achtung vor dem großen Dichter!‘, hört man – falls man sich erlaubt, solche Äußerungen laut zu tun – die Leute sagen. ‚Die Achtung vor dem alten Nobelpreis- und neuen Goethepreisträger – Oh, babylonische Sprachverwirrung; Thomas Mann hat – und das danken wir ihm – in der dem Namen seines großen Verlegers S. Fischer gewidmeten „Bibliothek“ des Suhrkamp-Verlags, Berlin und Frankfurt, eben jetzt seine berühmten Novellen, darunter „Tod in Venedig“ und „Unordnung und frühes Leid“ wieder erscheinen lassen. („Auserwählte Erzählungen“). Daß aber kurz vorher in eben demselben Verlag sein Buch „Wie Dr. Faustus entstand“ herauskam, ein Buch, das notwendigerweise ein recht peinliches Aufsehen erregen mußte, das ist sein Pech. Nun steht der oft so große Autor menschlich, allzu menschlich da. Eben lesen wir’s in seinem letzten Buch, daß er sich schwor, Deutschland nie wiederzusehen, und – naht nun mit liebender Geste. Mag man ihm hier, mag man ihm dort zustimmen – zumindest muß man’s auseinanderhalten. Wenn schon nicht um der Moral, dann doch wenigstens um der Sachlichkeit willen. Und damit die babylonische Sprachverwirrung uns nicht völlig durcheinanderbringe!

„Sprachregelung“ nannte einst das Propagandaministerium die Kunst, Wahrheiten zu vertuschen. „... marschier’n im Geiste mit“, sangen die braunen Kolonnen, darunter auch die, die einst zur „Rotfront“ und „Reaktion“ gehört, inzwischen aber höchst widerwillig die schweren SA-Stiefel angezogen hatten. Dabei war immer noch nicht klar, wieso diejenigen „im Geiste“ mitmarschierten, die von „Rotfront“ und „Reaktion“ erschossen worden waren. Saßen die nun in Walhall und wären im Geiste lieber mitmarschiert? Oder stellten sich die Marschierenden drucken im Geiste vor, jene marschierten noch mit in Reih und Glied? Das war damals nicht herauszubekommen, wen man auch danach fragte. So hat die Sprachverwirrung angefangen. Seither herrscht man über die Masse und nennt sie das „Volk“. Seither kämpfen Armeen autoritär geführter Staaten und nennen sich „demokratische“ Armeen. Das gipfelt im Persönlichen dort, wo einer, der untreu wird, dies „Treue zu sich selbst“ nennt; das gipfelt in der Propaganda dort, wo man von „Volksdemokratie“, also von „Volksherrschaft“ spricht und auf diese Weise gedanklich stottert; das gipfelt in der Dichtung dort, wo Ernst Wiechert in einem Roman sagt: „Schlachten und Sanitätswagen folgten einander“ und – verführt von dem Wort, daß Schlachten und Wagen rollen können – nun beide Begriffe fälschlich aneinanderreiht. Wir wollen, wie gesagt, von der Moral nicht reden. Nicht nur die Lüge, auch die babylonische Sprachverwirrung hat Schuld daran. Eine Weltpest, die uns alle hat und manches entschuldigt.