Ein Mosfilm in Berlin

Mit den aufleuchtenden Worten: „Sie hören selbst, Sie sehen selbst –: also urteilen Sie selbst“ beginnt in dem großen Uraufführungskino Babylon im Ostsektor Berlins die Wochenschau „Der Augenzeuge“, und dann folgt der Mosfilm „Begegnung an der Elbe“ nach dem vieldiskutierten Theaterstück „Oberst Kusmin“ der Gebrüder Scheinin. Im Programmheft liest man es so: Der Sieg ist errungen ... Herzliche Umarmungen, Siegesfreude und Freundschaft der Alliierten, all das ist nicht mit Worten zu schildern ... Aber bald versuchen nazistische Elemente mit Unterstützung der Amerikaner, die Idee der Rache und der Wiedergeburt eines militaristischen Deutschlands zu propagieren ... Prof. Dietrich, der inzwischen Bürgermeister des sowjetischen Teiles von Altenstadt an der Elbe geworden ist, bemerkt den Diebstahl seiner (Zeiß-) Patente. Sein Schwiegersohn, noch immer ein fanatischer Nazi, redet ihm ein, die Russen hätten die Patente entwendet. Enttäuscht geht Dietrich zu den Amerikanern ... Dietrich hat inzwischen die Freiheit und Hilfe, die die Amerikaner seinen Landsleuten geben, am eigenen Leben verspürt. Er kehrt in das sowjetische Gebiet zurück ... Major Hill (der amerikanische Stadtkommandant) muß seine Absicht, gegen den Faschismus, gegen den Krieg, für den Frieden und die Völkerverständigung zu kämpfen, mit dem sofortigen Ausschluß aus der Armee büßen (er hat eine amerikanische Journalistin, die sich, als hohe Persönlichkeit des NS-Geheimdienstes entpuppt, verhaften lassen). „Die Sowjetunion und Amerika – zwei Großmächte, unter deren Freundschaft die ganze Welt es gut haben wird“, sind die Worte Kusmins (des russischen Stadtkommandanten) beim Abschied James Hills ... „Mit diesen Worten“, sagt das Programmheft, „drückt Kusmin die Grundidee dieses ergreifenden Films aus.“ Datum des Geschehens: das Jahr 1945. Und ein Teil des Publikums im Benliner Ostsektor klatscht Beifall mitten hinein in das Bild, in dem sich eine russische und eine amerikanische Hand in Großaufnahme vefeinen. Wer will bezweifeln, daß diese Idee der Völkerverständigung Beifall verdient? – Aber es ist leider nicht zu bestreiten, daß die Berliner von 1949 zum Teil aus anderer Erfahrung kritisieren ... Man kann das geschilderte Bild der Amerikaner außer acht lassen, die saufen und stehlen, zumindest die schönsten deutschen Gemälde zum Abtransport ankreuzen, die Mädchen mißbrauchen und sich vor allem für die deutschen Aktienpakete interessieren. Wie die Sowjets, die diesen Film machten, sich selbst sehen, jedenfalls, das ist zu schön, um wahr zu sein. Oberst Kusmin ist ein idealer Mann, und alle, alle sind sie edel und nur durch Enttäuschung streng, wenn auch gerecht. Zugegeben, daß man solchen Idealen nachstreben sollte. Aber wenn am Schluß der deutsche Professor, der aus der Hand von Oberst Kusmin die den Amerikanern wieder abgenommenen Patente zurückerhält, das Aktienbündel mit Tränen der Rührung in den Augen dem Sowjetoberst zuschiebt, dann ist dieser „dokumentarische“ Film nur noch eine Farce. „Allerdickste Propagandalügen“, empörte sich eine Westberlinerin, „und das Furchtbare ist: Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Sie empörte sich im Flüsterton.

Hervorragend die schauspielerische Leistung von J. Jurowsky als Prof. Dietrich. eka