Von unserem Londoner Korrespondenten E. G. London, im Juli

Als im Kriege Englands Dollar-Reserven fast erschöpft waren, kam die Leih- und Pacht-Hilfe. Als nach dem Kriege England amerikanische Waren brauchte, ohne dafür zahlen zu können, kam der Milliarden-Kredit. Als der Kredit erschöpft war und England noch immer amerikanische Waren brauchte, kam die Marshall-Hilfe. Und was kommt jetzt?

Der „Dollar-Stillstand“, den Sir Stafford Cripps verkündet hat, die Unterlassung aller entbehrlichen Aufträge auf amerikanische Waren, erfordert eine Antwort, eine amerikanische Antwort. Die Marshall-Hilfe, auch wenn sie der Kongreß endgültig etatmäßig bewilligt, reicht’ nicht aus. Sie vermochte zwar das europäische Defizit an Dollars zu decken, solange Europa noch einige Reserven an Gold hatte und solange Amerika bereit war, wenigstens einiges an Fertigwaren von Europa zu kaufen – neben Rohstoffen, die zur Zeit noch nicht entbehrlich sind. Doch mit sinkender amerikanischer Einfuhr müssen die Amerikaner eines von zwei Dingen tun: sie müssen entweder mehr von Europa kaufen oder sie müssen auf andere Weise Europa zu Dollars verhelfen. Denn die dritte Möglichkeit paßt weder den Amerikanern, noch gefällt sie den Europäern: die dritte Möglichkeit, daß die Amerikaner weniger Waren nach Europa liefern, also weniger exportieren.

Am Vorabend der ersten Besprechung mit seinem amerikanischen Gegenspieler Snyder hat Cripps die Drohung ausgesprochen: „Wir werden weniger von den USA kaufen.“ Er hat damit das Gerede von der Pfundabwertung vom Verhandlungstisch gefegt. Pfundabwertung könnte den amerikanischen Geschäftsleuten wohl gefallen – – damit sie Wolle, Zinn, Gummi, Jute, Kakao, Tee aus den britischen Dominien und Kolonien, und einige Luxusgüter aus England dazu, billigerals bisher kaufen können. Nein, Pfundabwertung hätte – in diesem Augenblick jedenfalls – für Amerika, aber nicht für England Wert.

England will wissen, was die Amerikaner zu tun gedenken, um England mehr Dollars zu geben. Das ist der Sinn des Dollar-Stillstands. Cripps dürfte Snyder ein paar einfache Zahlen vorgehalten haben: Im Mai betrug die amerikanische Ausfuhr 1077 Millionen Dollar, die amerikanische Einfuhr nur 539 Millionen. Bleibt ein Fehlbetrag von 538 Millionen. Wie sollen diese 50 v. H. der amerikanischen Ausfuhr in Zukunft bezahlt werden? Die Marshall-Hilfe für Europa hat selbst bisher weniger als 400 Millionen monatlich betragen. Die Waffen-Hilfe für Westeuropa? Sie wird einzelne, nicht Hunderte von Millionen ausmachen. Also? Wollen Sie sich bitte den Kopf darüber zerbrechen, Mr. Snyder, woher Sie die Dollars zur Finanzierung der amerikanischen Ausfuhr nahmen wollen? Denn verzichten können Sie nicht auf die Ausfuhr, noch dazu mitten in einer amerikanischen Konjunktur-Berichtigung!

Nein, das kann Snyder nicht. Er muß die Dollars finden. Der neuseeländische Finanzminister Nash scheint trotz der Entfernung von Downing Street die Sirenentöne von Cripp: gut verstanden zu haben. Nash erinnerte nämlich, bevor er sich auf den Flug nach London zur Konferenz der Finanzminister begab, die Amerikaner an die „traditionelle Rolle Englands in den letzten 70 Jahren“: Diese Rolle bestand darin, nicht nur Güter, sondern gleichzeitig Kapital zu exportieren, das Kapital zu investieren und für die Zinsen dann Waren zu importieren, Natürlich könnte man wenn man nichts für die Zinsen importieren will, auch sie wieder investieren. Wichtig ist das Stichwort „Investieren“. Man hat von Snyder keine sofortige Antwort erwartet. Cripps hat noch vor Beginn seines Gesprächs mit Snyder öffentlich im Unterhaus erklärt, daß man Snyder bis zum September Zeit geben könne. Englands Schatzkästlein enthielt am 1. Juli noch 406 Millionen Pfund in Form von Gold oder Dollars. Bei 300 Millionen soll die „untere Gefahren-Grenze“ liegen. Im letzten Vierteljahr betrug der Verlust aus dem Schatzkästlein 65 Millionen Pfund. Man kann sich das Warten bis zum September noch leisten. Und als drohende Vorsichtsmaßregel, wie gesagt, der Dollar-Stillstand. Doch Cripps wirkt sehr zuversichtlich. England, ein so guter Kunde,an der Spitze Europas – den zu verlieren, kann sich Amerika nicht leisten: auch nicht, wenn es für England allein, und zusätzlich zur Marshall-Hilfe, monatlich 20 bis 25 Millionen Dollar finden muß.

Nur eins macht Sir Stafford noch Sorgen: wenn die Amerikaner tatsächlich zu Investitionen übergehen, so muß etwas zur Rationalisierung der britischen Produktion geschehen, Kostensenkung wird nun wirklich notwendig. Doch sie ist dem Dollar-Stillstand, dem Druckmittel auf die Amerikaner, ausgesprochen nachgeordnet. Wenn Cripps erst einmal die Dollars gesichert hat, dann wird er schon mit den Gewerkschaften und den Unternehmern fertig werden – Arm in Arm mit den amerikanischen Kapital-Bringern!