Rom, April 1949.

Traum“ und „Grand Hotel“ – nun, das sind Titel, die noch immer „ziehen“. Ezio D’Errico wußte das und macht glänzende Geschäfte. Gewiß wird D’Errico niemals den Anspruch auf einen Nobelpreis erheben – denn viele seiner eigenen Landsleute erröten schamhaft oder zornig, wenn sie seinen Namen nennen hören –, aber ihm bleibt nichtsdestoweniger der – zweifelhafte und wenig glanzvolle – Ruhm, den Fotoroman erfunden zu haben: denn D’Errico war es, der den Bleistift der Gangster- und Tarzan-Jugendliteratur und den Aquarellpinsel des „Pin-up-girl“ des Welt-Soldatentums zum ersten Male mit dem Fotoapparat vertauschte und mit ihm einer dritten Kategorie ahnungsloser und unschuldiger Wesen verführerische Freuden schenkte: der der Backfische. Womit – Entgegen den Gewohnheiten unserer so klassekämpfereichen Zeit – ebensowenig gegen die Backfische gesagt sein soll, wie gegen die Soldaten und die Jugend.

Fotoromane sind aufs Papier gebrachte Filme, die ebenso in der Straßenbahn genossen werden können wie in der Arbeitspause, beim hausmägdlichen Staubwischen genau so wie vorm Einschlafen. Schneiderinnen und Schuhmacherlehrlinge haben sich ihnen mit ebenso vielem Enthusiasmus zugewandt wie „Höhere Töchter“ – und so ist heute der Erfolg der Verleger gesichert. „Gattin des Todes“, „Fieberwahnsinn der Liebe“, „Seelen im Schneegestöber“ sind einige für den Wert der Geschichten bezeichnende Titel ... und wie die Jugendliteratur „Made in USA“ in Zehntausenden von Erziehern und Juristen bittere Ankläger gefunden hat, so die Backfisch-Literatur „Made in Italy“ die ihrigen in der hartnäckig ringenden italienischen Priester- und Lehrerschaft. Aber der Kino-Ersatz hat sich durchgesetzt: die römischen Zeitungskioske sind von den buntschillernden Titelseiten der Romane übersät. „Hierher kommen keine Zeitungen“, sagte mir eine dicke Bauerstochter aus einer Apenninen-Siedlung 700 Meter über dem Meere, „aber jeden Mittwoch steige ich ins Dorf hinunter, mir den ‚Traum‘ zu holen. Und ich muß mich beeilen, weil er immer schnell ausverkauft ist.“ Der „Traum“ und das „Grand Hotel“ sind die verbreitetsten Fotoroman – Wochenzeitschriften: ihre Auflage soll die aller italienischen Zeitungen übertreffen. „Fumetti“ nennen die Italiener die neue Erfindung, was vielleicht mit „Rauchfähnchen“ übersetzt werden könnte – und es wäre um der Ehre dieser alten kulturgetränkten Halbinsel willen zu wünschen, daß die „Fumetti“ bald in Schall und Rauch aufgehen möchten. Aber da setzt ein Mailänder Verleger in diesen Tagen der Schande die Krone aufs Haupt: er will die „Göttliche Komödie“ in „fumetti“ erscheinen lassen.

Zuerst wollte man’s nicht glauben. Dem kulturstolzen Italiener, der Dante neben Beethoven, Shakespeare und Victor Hugo als den höchsten Ausdruck des Abendländischen zu nennen pflegt, konnte die Anzeige des „fumetti“-Fabrikanten nur als Gotteslästerung erscheinen. Aber da fand er eines Morgens die Mauern seines Städtchens mit riesigen Reklameplakaten tapeziert: Dante und Beatrice Arm in Arm, Dante und Beatrice, die sich tief in die Augen schauen und einander Liebesworte zuflüstern ... in den elfsilbigen Versen der unsterblichen „Göttlichen Komödie“. Dante Alighieri, der italienische „bestseller“ seit Jahrhunderten – heute „fumetti“-Held eines Verleger-Abenteuers, wie es einmalig in der Geschichte der Literatur ist! Dante wird in der ersten Person sprechen ... und er wird ein moderner Typ sein: nicht mehr mit dem Lorbeerkranze des siegreichen Poeten auf geweihtem Haupte, sondern mit brillantiertem Kopfhaar, mit dem süßen Lächeln Tys, dem durchdringenden Blicke Clark Gables, den Augenbrauen Alan Ladds und dem athletischen Körper Johnny Weißmüllers. Es wird ein Dante sein, wie ihn der 1949er Backfisch verdauen kann: ein Dante nach Maß, stereotypiert, namenlos, abgeschmackt wie die Hollywoodianer gleicher Gattung.

Beatrice ihrerseits aber wird die Augen der Loy, die Brauen der Lake, das Haar der Bergman und den sinnlichen Mund der Hayvorth in sich vereinigen. Und ihre Lippen werden Liebe sagen: Liebe für den Dichter, für den armen Dante, den sie nach angelsächsischen Gewohnheiten „old man“ heißen wird. Eine Beatrice, die paradiesische Cocktails trinkt und sich nach der letzten Pariser Mode kleidet. Und am Ende sie und Dante in einem jener Riesenküsse vereint, denen in den „fumetti“ bisher immer drei oder vier Bilder gewidmet wurden.

Um die notwendigen „dramatischen“ Effekte zu erzielen, wird am Urtext – herumgeschnitten. Monologe finden keinen Platz in den „fumetti“. Die Handlungen müssen Bewegung besitzen, müssen „mitreißen“; der Backfisch muß entflammt, seine Aufmerksamkeit darf nicht zerstreut werden: er soll ja die folgende Nummer kaufen.

„Die Leute wollen fumetti“, sagt der Verleger, „sicher sind sie blöde ... aber wenn sie sie wollen, warum sollen sie sie nicht haben!?“ Und auf den Einwurf, man möchte doch wenigstens Dante aus dem Spiele lassen: „Dante ist billig und ... ohne Autorenrechte.“

Fritz Gordian