Berlin, Frankenthai und Ludwigsburg, in Venedig, Doccia und Capodimonte, in Chaatilly und Sevres, in Chelsea und Worcester und bald- auch. in Kopenhagen und Petersburg. In Bayern aber gerät dieses neue Material einem Künstler in die Hand. Es ist der "Figurist" Franz Anton Bustelli, der im Nyrnphenburger Porzellan den Geist des Rokokozur preziösesten Blüte bringt. Von BustelE wissen wir eigentlich nur, daß er 1754 in die bayrische Manufaktur eintrat und 1763 in Nymphenburg starb. Wahrscheinlich stammt r aus dem Tessin, wo er 1723 in Locarno geboren sein dürfte. Stilkritisch steht zu vermuten, daß er in Capodimonte und Wien seine Ausbildung erhielt. Aber das sagt nichts über den künstlerischen Wert seiner spannhohen Figürchen, die in sieh das ganze Lebensgefühl einer das Spiel zur Kunst erhöhenden Umwelt einschließen. Die eigentümliche Spiritualität des Festwesens im Rokoko — das mehr als jede andere Epoche das Fest als höchste Lebensäußerung verstand und gerade in dieser hochgetriebenen Lebensartistik so wundersam zwischen Melancholie und Freude changiert — hatte sich am bayrischen Hof die glanzvolle Kulisse im Schloß Nymphenburg, das den Nymphen Flora und Diana geweiht war, geschaffen. Vielmehr —: sie war ihr geschaffen worden durch die geheimen Arrangeure der pbantasievollen Sehnsüchte der Menschen, durch die Künstler. Sie war ihr vor allem geschaffen worden durch jenes seitsame Dekorationsgenie Cuvülies, der ab ehemaliger Hofzwerg die fürstKche Welt von Innen her kannte und aus dem höfischen Fest ein "Theatrum Säcrttm" der Nymphen Flora und Diana machte.

In diesen Geist nun trat der Figurist Bustelli staunenden Auges ein, um nun seinerseits das Arrangement der Verkleidung in etwas dauernd Anschaubares zu verwandeln. Seine Figuren konnte Bustelli auf den Festen sehen —: die feinen Damen und Herren, die als Bauern, Schäfer, Händler und Ausrufer, ("cries de Paris" nannte man das damals) verkleidet erschienen und vom Kurfürst and der Fürstin als Wirt und Wirtin bedient wurden. Nach dieser artistisch inszenierten Verkleidung schafft Bustelli jene anmutigen Gebilde bunter Püppchen, die wie leichte Luftgeister aus dem vergänglichen Trubel der festlichen Wirklichkeit in die Sphäre springen, wo das Leben Dauer gewinnt und Gleichnis des Geistes einer ganzen Epoche wird. Daß das Rokoko das kleinste, kostbarste Format zur Selbstdarstellung wählte, verrät gewiß ein hohes Maß von feiner Ironie tind erlesener Frivolität. Aber dafür haben diese Menschen zu zahlen gewußt —, auf den Guillotinen der Moralisten nämlich.