Zweihundert fahre sind es her, daß im kleinen Jagdhaus Neudeck bei München, in dem der bayrische Kurfürst Max III, Joseph einer höfisch modischen Leidenschaft folgend, eine "Porcellain Fabrique" einzurichten gnädigst die Erlaubnis gab, das erste bayrische Porzellan aus dem Brennofen kam. Das war der Anfang einer Fabrikation, die unter der bayrischen Rautenmarke Nymphenburgs Weltruf gewann. Es klingt heute unglaublich, daß einmal ein deutscher Fürst — es war Augu? der Starke — zwölf "lange Kerls" dem preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I für 48 Porzellanvasen verkaufte und daß kein Herrscher des 18. Jahrhunderts im mindesten zögerte, seine Finanzen und die seiner Bürger ziu ruinieren, wenn er kostbares Porzellan kaufen konnte. Die landeskinder seufzten unter dem unmäßigen Steuerdruck und sprachen von den "porzellanenen Schröpfköpfen des Landes". Doch jede in schönen Ideen lebende Zeit neigt dazu, zu irgendeiner iöheren Ehre den Wohlfahrtsansprueh ihrer Bürger zu vergeuden. Auch die Pyramiden der Ägypter, die Tempel der griechischen Polis und tue Kathedralen gotischer Städte gingen über jede vernünftige Steuerkraft der Bürger hinaus. Offenbar sind die Überhöhungssymbole lebendigen Selbstdarstellungswillens jeden Preis wert. Die Leidenschaft des Rokoko für das Porzellan erregte sich anfänglich als bloße Sammelleidenschaft am chinesischen Porzellan, aber sofort auch begriff die schöpferische Phantasie die Möglichkeit zur Selbstdarstellung und strebte sogleich danach, die Kostbarkeit des exotischen Materials als eigenen gestaltbaren Stoff in die Hand zu bekommen. So ist man in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts über jede wirtschaftliche Vernunft hinaus bemüht gewesen, hinter das geheimnisvolle "Arkanum" der Ostasiaten zu kommen und selbst Dinge in diesem kostbaren Material formen zu können. Beides gelang, weM das Genie der Zeit von einer so dringenden Sehnsucht erregt war, daß es keine materiellen Schwierigkeiten mehr anerkannte und Finanzmisere und soziale Anrüchigkeit gelassen in Kauf nahm.

Es gehört durchaus in dieses durch ästhetische Sehnsüchte überhitzte Klima, daß die Porzellanmacherei mit einem ganzen Brimborium von Zauberei und Magie umgeben und vom Produktionsverfahren geheimnisvoll als vom "Arkanum" geredet wurde. Die "Arkanisten", wie sich die Porzellanmacher nannten, geben dem Rokoko einen ganz neuen Typ von vagierenden Glücksrittern und Beutelschneidern, die unter der romantischen Verhüllung alchimistischer Praktiken den vom Porzeüanfieber ergriffenen Fürsten und Herren enorme Beträge aus den Taschen lockten. So ist das erste europäische Porzellan durch den Goldmacher und Alchimisten Böttger, den der unbedenkliche August der Starke einfach an seinem Hof in "honette Haft" steckte, hergestellt worden. Diese gütige Fügung rettete dem Goldmacher den Kopf und brachte dem sächsischen Hof die erste Porzellan Manufaktur Europas ein, die 1710 in Meißen gegründet wurde und eine Quelle unerhörten Ruhmes für den sächsischen Hof wurde "Peking de Saxe" nennt Friedrich der Große bewundernd das brave Meißen. Nun, wo das Geheimnis entdeckt war, wollte jeder Fürst sich eine Porzellanfabrik als "Attribut des Glanzes und der Würde zulegen. Sachsen bleibt lange vorbildlich., Als der französische König Ludwig XV im Jahre 1738 das erste Privileg zur Herstellung von Porzellan vergab, auf dem sich die berühmte Königliche Mamrfaktur von Sevres gründet, verlangte er, daß dieses Porzellan "im sächsischen St3" hergestellt werde. Auch in England beginnt man 1745 in Ghelsea "afterthe finest Dresden models" z arbeiten. Ergötzlich zu sehen, wie sich min die das große Geschäft witternden Arkanisten, durchweg Deutsche, ihre Geheimnisse abjagten ! So lockt der Ärkanist und Abenteurer Konrad Hunger dem weinseligen Böttger das "Arkanum heraus und gründet, gestützt auf dieses vage Wissen, 1719 eine Manufaktur in Venedig, abenteuert dann im Glorienschein seines kostbaren Geheimnisses von Hof zu Hof und gerät bis nach Petersburg, wo er 1744 eine Manufaktur einrichtet. Ein anderer, Jakob Ringler, bezieht das Geheimnis auf galante Weise über die Tochter des Direktors der Wiener Manufaktur, die 1717 gegründet worden war. Dieser Ringler taucht 1753 in München auf und bringt dort sein "Arkanum" an den Mahn. Er ist es, der die nach den ersten Versuchen von 1749 über tausend Schwierigkeiten stolpernde bayrische Manufaktur technisch auf die Beine stellt. Um die Mitte des Jahrhunderts war die fabrikmäßige Herstellung des Popeüahs schon allenthalben gelungen —, in Meißen, Wien, Höchst,