Volle Regale, leere Kassen... Kann man es nicht verstehen, daß dieser unser Buchhändler sehr, sehr skeptisch ist? Er spricht nur aus, was viele seiner Kollegen denken. Wie, wenn das Buch in seiner klassischen Bedeutung überhaupt erledigt wäre? Auch diese Möglichkeit bejaht er und fügt hinzu: „Dies wäre kein Kompliment für uns! Es ist eine Schwäche, nichts festhalten zu können. Es ist eine Art Impotenz, keine Bücher zu lesen. Der lange Atem, das Legato fehlt. Die Aberration des modernen Menschen ist zu stark. Unser Gebiet ist die Skizze... Wir haben unsere Form gefunden für Versprechen und Nicht-Wort-Halten.“

Es ist fraglos eine ebenso sehr ernste wie harte Diagnose, die dieser Sortimentsbuchhändler den Lesern ausstellt. Und was erwiderten die Leser selbst?

Ein fünfundvierzigjähriger Intellektueller, Angehöriger eines freien Berufes, sagte: „Ich höre, daß die Papierpreise um das Vierfache, die Herstellungskosten um das Dreifache teurer als vor dem Kriege sind. Ich kenne sogar die Kalkulation, nach der ein Buch, das den Verleger zwei Mark gekostet hat (wobei das Autorenhonorar schon einbegriffen ist) im Buchladen acht Mark kosten muß. Ich höre das alles und glaube sogar, daß es so und nicht anders sein kann. Ich weiß, daß es neuerdings dem Kronen-Verlag in München gelungen ist, für 2,85 D-Mark gut ausgestattete Bücher herauszubringen; leider Bücher, die mir nichts nützen: Romane von Ganghofer, Zahn... olle Kamellen; entschuldigen Sie den harten Ausdruck. Ich sehe allerdings ein, daß dieser Verlag bei dieser Buchserie auf Nummer Sicher gehen muß. Geringe Preise, bescheidenes Niveau... populäre Namen: hohe Auflagen; so dreht sich wohl das Karussell, nicht wahr? Nun aber meine Lage! Ich gehöre zu denen, die früher durchaus gesonnen waren, auf ein Mittagessen, das mich drei Mark gekostet hätte, zu verzichten, um mir fürs gleiche Geld ein Buch zu kaufen. Welches neue Buch von literarischem Wert steht mir für drei Mark heute zur Verfügung? Hier muß ich allerdings eine Einschränkung machen: ich kenne Rowohlts Ro-Ro-Ro-Drucke und kaufe sie gern, wobei ich mir fast jedesmal wünsche, ich könnte dasselbe Buch später einmal in einem gebundenen Exemplar bekommen – um es zu besitzen, nicht zu zerfleddern (denn das Ro-Ro-Ro-Papier hält nicht viel aus). Ich bleibe regelmäßig vor den Auslagen der Buchgeschäfte stehn, aber ich trete selten in den Laden. Übrigens kaufe ich Bücher. Einst gab ich monatlich etwa dreißig bis vierzig Mark für Bücher aus, heute nur noch höchstens acht Mark. Zugleich mit dem Buch sind alle anderen Dinge, die man zum Leben braucht, um das Doppelte und Dreifache teurer geworden; meine Einkünfte aber sind die gleichen geblieben. So vorsichtig ich auch meinen Etat ausbalancieren mag –: es reicht nicht hin und nicht her. O ja, ich kaufe dann und wann ein Buch. Ich kaufe viermal weniger Bücher, als vor dem Krieg. Schließlich ist an der Ansicht, daß der moderne Großstadtmensch kein echter Leser mehr ist, etwas Wahres. Man müßte etwas dagegen tun. Man müßte sich zwingen, zu lesen!“

Eine Hausfrau, fünfunddreißig Jahre alt, Gattin eines höheren Beamten: „Ich stehe oft vor den Bücherläden. Ich kaufe sogar gelegentlich ein Buch, das in der Zeitung stark empfohlen wird. Aber ich habe drei Kinder... Ich wollte neulich Otto Fischers „Chinesische Plastik‘ kaufen (ich habe, ehe ich heiratete, ein paar Semester Kunstgeschichte studiert), doch im Schaufenster nebenan waren Kinderschuhe ausgestellt –: da wurde aus der ,Plastik‘ ein Paar Schuhe für den Jüngsten. Ich bin ohne Hilfe im Haushalt, das heißt: ich bin abends todmüde. Übrigens schrieb meine amerikanische Freundin, sie hätte seit zwei Jahren kein einziges Buch mehr gelesen, wenigstens nicht in der Originalfassung: sie haben drüben jetzt die Gewohnheit, Auszüge, Extrakte zu lesen. Das spart Zeit, und trotzdem ist man auf dem ,Laufenden‘ und kann beim Tee darüber reden... Ich habe meiner Freundin mit einem Wort von Schopenhauer geantwortet: ‚Die Menschen sind tausendmal mehr bemüht, sich Reichtum als Geistesbildung zu erwerben, während doch ganz gewiß, was man ist, viel mehr zu unserem Glücke beiträgt, als man hat’...“

Ein fünfzigjähriger Invalide, Insasse eines Flüchtlingslagers: „Ich kann keine Bücher kaufen, aber ich lese, lese, lese... Das bißchen Geld, das andere für Zigaretten ausgeben, wandert in die Leihbibliothek. Ich lese alles, was mir in die Hände kommt, von der Marlitt bis zu Hamsun. Nein, neue Bücher lese ich kaum; die kann man selten leihen; die müßte man kaufen. In diesem Lager wird viel gelesen, besonders an Regentagen; man liegt auf der Matratze, liest, träumt, liest...“

Ein sechzehnjähriger Gymnasiast: „Die Bücher, die man in der Schule braucht, kauft man natürlich, den Ovid zum Beispiel. Man kauft ihn von Schülern der höheren Klasse. Wie sieht so ein Buch dann aus! Den Cäsar hatte ich von einem Onkel geerbt, total aus dem Leim. So etwas hätte man früher den Jungen um die Ohren geschlagen. Der Onkel vererbte mir auch gleich ein paar verbotene Übersetzungen, ,Eselsbrücken‘ oder ‚Pons‘ genannt –: so kleine Büchlein, nicht größer als ein Handteller; herausgegeben von „einem Schulmanne’, einem Wohltäter der Armen ... Neulich schnappte mir der Lateinlehrer so eine ‚Pons‘ weg und war – ganz glücklich: ‚So? Die gibt es wieder?‘ Aber es gibt sie leider nicht. Es müßte sie wieder geben...“

Es ist im geistigen Leben – nicht nur Deutschlands – vieles durcheinander geraten. Daher, daß jeder jeden kritisiert! Und oft nicht einmal zu Unrecht. Alte Bücherfreunde klagten, daß der Nachwuchs der Verkäufer in den Sortiments offensichtlich nicht genügend ausgebildet sei. Die Schulung ist im Gange. Aber vorerst sind’s die alten Sortimenter, die noch ein Gespräch zu führen wissen, das mehr als ein „Verkaufsgespräch“ ist, eher eine freundschaftliche Beratung. Aber viele von den alten Sortimentern erklären offen: „Wir sind müde geworden; die Sorgen sind zu groß. Natürlich sind wir verschuldet bei den Verlegern, die ihrerseits ... Abends sitze ich da, zähle die kümmerliche Kasse und weiß nicht, welchen Posten ich zuerst abtragen soll.“