Von Walter Boßhard

Seit über fünf Jahren herrscht „Eccellenza Giuliano über sein „Königreich“, das ungefähr 5000 Quadratkilometer sizilianischen Bodens umfaßt. Seine gefürchtete Hand scheint über die ganze Insel zu reichen, vielen ist sein bloßer Name schon ein Schrecken. Mit 22 Jahren übernahm er die Herrschaft über „seinen Staat“ und über eine Truppe von einigen hundert handfesten, ihm treu ergebenen Freischützen, aus denen inzwischen einige tausend geworden sind.

Der heißblütigen Bevölkerung Siziliens ist das terroristische Bandentum im Laufe der Jahrhunderte gleichsam zur zweiten Natur geworden, und was wir seit Kriegsende auf diesem südlichen Brückenkopf Europas erleben, ist gewissermaßen eine Renaissance der berüchtigten altsizilianischen „Maffia“. Giuliano ist ihr ungekrönter König, der sich keineswegs als Bandit, sondern als legitimer Ordnungsfaktor, als Vollzugsorgan „der kollektiven Weisheit des sizilianischen Volkes“ fühlt. „L’état c’est moi!“, sagt Giuliano und beweist jedem Zweifelnden, daß dies kein leeres Wort ist. Das haben vor allem die „Pubblica Sicurezza“ (Staatspolizei) und die Parteigänger der römischen Ordnung in den vergangenen Jahren allzuoft erfahren müssen. Wer gegen Giulianos selbsternannte Exekutivorgane zu „rebellieren“ wagt, wird von „seiner Gerichtsbarkeit unfehlbar und ohne Säumnis zur Rechenschaft gezogen und mit aller Strenge „seiner Gesetze“ bestraft. Wer mit der Polizei oder anderen römischen Organen gute Beziehungen unterhält, ist ein Volksverräter.

Giuliano versteht es meisterhaft, das Prinzip einer höheren Gerechtigkeit als Deckmantel für seine terroristischen Zwecke zu benutzen. Doch die sich selbst zugeschriebene Rolle eines Beschützers der „Unterdrückten“ genügt dem heute 27jährigen Häuptling und seinen Genossen nicht mehr. Sie träumen den Rom gegenüber hochverräterischen Traum von einer neuen „sizilianischen Vesper“, die die Insel „vom römischen Joch befreien“ soll. Das Hauptquartier von Giulianos Bande pflegt daher enge Beziehungen zu den Zentren des sizilianischen Separatismus und unterhält – so grotesk dies klingen mag – durch eigene „Gesandte“ „diplomatische“ Beziehungen zu diesen Kreisen. Giulianos Botschaft an den Präsidenten der Vereinigten Staaten im vergangenen Jahre enthielt den Vorschlag, Sizilien als 49. Staat in den -amerikanischen Bundesstaat aufzunehmen. Dieser absolut ernstgemeinte Plan beweist vielleicht mehr als die „innenpolitische“ Macht, daß sich Giuliano als legitimer Herr Siziliens fühlt, dessen Beherrscher er de facto heute noch ist. Bei aller Unehrlichkeit seiner Ideologien ist ihm jedoch ein gewisser Fanatismus politischer Religiosität nicht abzusprechen.

Die Organisation und die höchst moderne Bewaffnung seiner „Wehrmacht“ stützt seine beinahe unbegrenzte Macht und bringt die römischen Behörden in arge Verlegenheit. Die Ausrüstung seiner Truppe ist derjenigen der Carabinieri weit überlegen, und es verwundert den Eingeweihten keineswegs, wenn die römischen Hüter der Ordnung bei jedem Zusammentreffen mit Giulianos Streitmacht den kürzeren ziehen. Giuliano hat seine Garde nicht nur mit Maschinenpistolen, Sten-Gewehren und MGs neuester Konstruktion ausgerüstet, sondern verfügt rätselhafterweise auch über Minenwerfer und sogar einige leichte Panzerwagen. Er hat sich, um ganz auf der Höhe einer zeitgemäßen Kampfweise zu bleiben, amerikanische Instruktoren verschrieben, die sich wohl aus der sogenannten „Division Zéro“ rekrutieren. („Division Zéro“ nennt man die Tausende von amerikanischen Soldaten, die sich der Ausmusterung und der Rückkehr nach den Staaten aus irgendeinem Grunde, meist wegen kleinerer Vergehen, entzogen haben und heute in ganz Europa verstreut irgendeinem nicht immer ganz legalen Gewerbe nachgehen, das ihnen gestattet, sich über Wasser zu halten.) Mehrere Antitankgeschütze, einige Dutzend Jeeps, Motorräder und Hunderte von geländegängigen Kavalleriepferden vervollständigen die Ausrüstung dieser kleinen, aber todesmutigen und strategisch nach den neuesten Gesichtspunkten durchgebildeten Armee. Der – „Chef“ verfügt außerdem über einen mit allen

Schikanen ausgerüsteten Stabswagen der US-Army, der mit stärksten Panzerplatten versehen ist und den er mit Stolz sein mobiles Hauptquartier nennt.

Noch vor zwei Jahren war der Bandenführer La Bruzza Giulianos größter Konkurrent und Gegenspieler. Vor einigen Monaten jedoch haben sich die beiden – wohl aus Klugheit angesichts des gemeinsamen römischen Feindes und gleicher Interessen – geeinigt und vertragen sich jetzt als Partner recht gut, obwohl die Überlegenheit Giulianos von La Bruzza nur mit gemischten Gefühlen anerkannt werden mag. Immerhin bat La Bruzza dem „Bruder Häuptling“ sein eigenes Taschen-U-Boot zur Verfügung gestellt, mit dem die beiden wohl eines Tages „unterzutauchen“ beabsichtigen, wenn ihnen der heimische Boden zu heiß werden sollte.