Von Jan Molitor

Bücherkrise... Theaterkrise... Krise des Kunsthandels... es kriselt, so scheint es, überall, wo die Mittler der geistig-künstlerischen Werte auf die "Verbraucher" stoßen. Es sind aus hoher Sicht viele widerspruchsvollen Urteile über die Formen der gegenwärtigen Kulturkrise ausgesprochen worden. Dagegen wollen wir hier versuchen, ein möglichst plastisches Bild der Lage zu zeichnen: durch Berichte von Gesprächen mit Verlegern, Bühnenleitern, Buch- und Kunsthändlern und nicht zuletzt mit den Lesern, Theaterbesuchern, Kunstfreunden selbst. Ohne Zweifel steht einer gewissen Fragwürdigkeit der Produktion auf manchen geistigen Gebieten eine Unsicherheit, ja Passivität auf Seiten der "Abnehmer" gegenüber. Auch ist es selbstverständlich, daß in einer Zeit der großen Armut die materiellen Werte im Vordergrund der Sorgen stehen. Aber diese Zeit nach dem politischen, geistigen und materiellen Zusammenbruch ist zugleich die Zeit des Anfangs. Und gerade in ihr wird sich früher oder später die Wahrheit des Satzes beweisen –: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein...

Er hatte entsetzlich viel schwarzes Haar auf dem Kopf. Lauter Locken. Sie störten ihn, und er schmierte Pomade hinein. "Wasser tut’s auch. Aber sobald die Haare trocken werden", sagte er, "sind’s wieder Locken, und die Kumpels schreien ‚Locken-Toni‘..." Augenblicklich lag sein Scheitel so fest, als trüge er eine schwarz gewichste Perücke. Erstaunlich war, daß er blaue Augen hatte. Schwarze Locken, blaue Augen –: obwohl jene Komposition bei den jungen Mädchen sehr beliebt ist, war er nicht einverstanden mit dieser seltenen Segnung der Natur. "Zu leicht kenntlich", sagte er. "Unpraktisch für einen Schmuggler."

Ich hätte nun fragen müssen: "Womit schmuggeln Sie?" Aber ich wußte es schon. Denn ich bin drauf und dran, sein Kunde zu werden. Daher hatte ich ihn kennengelernt.

"Früher", sagte er, "schmuggelte ich "Hygienische Artikel"; Noch früher Ostzonenschnaps. Noch früher Briefe von Familienangehörigen, die nicht wußten, wie sie wieder zueinanderkommen sollten; das war gleich nach Kriegsende. Ganz früher war ich Fähnrich zur See." Er sagte wirklich "ganz früher", als hätte es sich um "graue Vorzeit" und nicht um das Jahr 1944 gehandelt. Inzwischen hat er acht Semester studiert. "Hab’ meine Doktorarbeit schon abgegeben... R-Mark-Zeit... D-Mark-Zeit", sagte er. "Alles durchgestanden, immer konsequent." Konsequent war er darin, daß er unentwegt schmuggelte Was die Ostzone bot, setzte er in den Westzonen ab. Und umgekehrt.

Augenblicklich schmuggelt er Bücher... "Es ist des Teufels", sagte er, "daß Bücher so schwer im Gewicht sind. Sehr im Gegensatz zu den ‚Hygienischen Artikeln‘. Aber es ist anständiger ..."Während unser "Locken-Toni" so erzählte, gab er sich seiner Gewohnheit hin, auf dem Kneipentisch zwei Groschenstücke tanzen zu lassen. Eins war dunkler und schwerer, "Bank Deutscher Länder" stand darauf. Das andere war heller und leichter. "Deutschland" hieß die Inschrift. Er hat nun vieles erzählt, von dem der Verleger Ernst Rowohlt später einiges bestätigte.