Das Bild des Erasmus von Rotterdam ist gegenwärtig wieder stärker vor unser geistiges Auge getreten. Offenbar nicht allein, weil diese Persönlichkeit mehr als jede andere innerhalb unseres Kulturbereichs die große Problematik der vergangenen Jahrhunderte seit dem Ausgang des Mittelalters bereits kern- und keimhaft in sich birgt, sondern auch, weil sie, zwischen christkatholischer und protestantischer Geistigkeit in der Mitte stehend, besonders geeignet erscheint, eine Orientierungsmarke darzubieten für die heutigen Bemühungen um eine Wiederannäherung der so lange verhängnisvoll auseinandergelaufenen beiden Hauptlinien der abendländischen Weltansicht.

Daß im Zuge dieses Auseinanderstrebens das Charakterbild einer solchen Persönlichkeit zwiespältig erscheinen mußte, ist selbstverständlich. Darum sind einige neue Untersuchungen, die auf eine Klärung dieses Bildes zielen, sehr begrüßenswert. Im Verlag Erwin Burda, Freiburg i. Br., gab Richard Newald eine mit sechs Tafeln geschmückte grundlegende Biographie „Erasmus Roterodamus“ heraus. Zugleich erschien bei Albert Nauck & Co., Berlin, die zweite Auflage des Erasmus-Werkes von Karl August Meißinger. Der unabhängige Standpunkt, auf den es hier ankommt, ist beiden Autoren gemeinsam. Das Buch Meißingers bietet mehr Zitatenmaterial, während Neward tiefer auf die geistige Analyse eingeht. Beide aber sprechen eigentlich einen Leserkreis an, bei dem schon ziemlich solide Sachkenntnisse vorausgesetzt werden. Um so begrüßenswerter ist es, daß der Schwann-Verlag, Düsseldorf, sich beherzt an das lebendige Interesse des gebildeten Durchschnittslesers wendet, indem er in nobeleinfacher Ausstattung (in der Reihe „Das Unvergängliche“) eine Auswahl der Schriften des großen Humanisten selbst vorlegt, an deren Lektüre man mit Überraschung inne wird, wie unverstaubt Gedanken und Ausdrucksform uns heute noch– oder wieder – anmuten. Nicht einmal das spezifisch Zeitkritische erscheint unbedingt überholt, geschweige denn der hohe ethische Gehalt und – der Humor. A – th