Von Erika Müller

Berlin, im Juli

Sehnse“, sagte der Straßenbahnschaffner, als die Elektrische die Potsdamer Straße in der Höhe des ehemaligen Prunkhauses des Fremdenverkehrs durchfuhr, und rechnete im Kontrollbuch seine Fahrscheine ab, „hier ist aufgeräumt worden. Hier können Se sehn“, sagte er, „wie Berlin aussehen täte, wenn sie weiter enttrümmert hätten: eine einzige riesige Freifläche mit einzelnen Jebäuden; ’n jrosset Dorf. Jottseidank is ihnen det Jeld ausgegangen!“ Er meinte, man sollte auf den schon enttrümmerten Stellen Wolkenkratzer bauen: „Dann könnten wir unsere Ruinen behalten. Wir haben uns schon so schön dran jewöhnt.“

Am Potsdamer Platz verläßt er die Bahn, und der Herr Kollege mit dem Ostgeld steigt auf. Wer hier aus dem Westsektor zusteigt, zahlt jetzt zwanzig Pfennig Ost, das ist nur ein Sechstel des Preises, denn der Kurs steht gerade bei 5,8 Ostmark gegen 1 Westmark. Die Berliner spielen die beiden Währungen gegeneinander aus mit der immer noch vorhandenen Freude an allem Außergewöhnlichen, auch wenn es auf ihre Kosten geht. Und es ging in den letzten Jahren verdammt hart auf ihre Kosten. Aber bei der großen Begabung der Berliner, sich abzufinden, sich umzustellen und jede neue Situation zu meistern, bei ihrem berühmt schnellen Reaktionsvermögen, haben sie alle Leiden und Entbehrungen ertragen und es dabei genossen, so vielfach im Mittelpunkt des Weltgeschehens zu stehen. Sie liebten das schon immer. Sie würden das Einmalige, Verwirrende, Aufregende, Interessante ihrer Lage auch gern weiter ertragen, wenn sie mit ihrem ausgeprägten Sinn für Realitäten nicht wüßten, daß die Trennung Ost–West den Lebensnerv ihrer Stadt getroffen hat. „Was kömmt nun?“ ist die täglich gestellte Frage, und selbst die Aufhebung der Blockade und die Wiederaufnahme des S-Bahn-Verkehrs wurde wie jedes neue Ereignis mit Skepsis aufgenommen. Und mit der schon stereotypen Frage: „Was kommt nun?“

Beim „Grenzübertritt“ am Potsdamer Platz, der sich außer dem Straßenbahnschaffner-Wechsel jetzt wieder unbemerkt vollzieht, fällt zunächst keine Veränderung auf. Wie Denkmälerder vergangenen Glanzzeiten halten am Leipziger Platz ein paar Blumenfrauen zwischen armseligen,mit ostzonalen Trödelwaren bestückten Ständen aus, und ihr „Prima Blümchens, meine Dame!“ hat im Ton zwar noch die alte Schnoddrigkeit, aber nicht mehr den alten lachenden Humor.

Leipziger, Ecke Friedrichstraße regelt die Polizistin nach Moskauer Muster den spärlichen Verkehr der Autos allerältester Bauart. „Je unscheinbarer, desto besser! Nur nicht auffallen mit ’nem klotzigen Wagen, dann ist man ihn gleich los“, sagte der junge Geschäftsmann, der im Westsektor wohnt, aber allabendlich durch den SED-sowjetischen Doppelposten zu seiner Mutter in die Ostzone fährt. „Die Behörden brauchen Autos, das ist bekannt. Mein Wagen zum Beispiel stand neulich schon bei der Ost-Polizei in einer langen Kette mit anderen beschlagnahmten Wagen. Da habe ich den Polizeiführer gebeten, mein Geschäft zu besuchen. Er kam und sagte: ‚Ihr Auto können Sie wiederholen, aber ick kriege doch ’n Ding aus Ihrem Laden, waa? Dies hier‘, sagte er und griff nach einem ziemlich kostspieligen Gegenstand, ’wird wohl zu teuer zu sein? – ‚Bitte‘, sag ich, „das macht fast gar nichts’. – ‚Na schön‘, sagte er und griff zu –, dann gilt das gleich fürs nächste Mal mit.“

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