Die Projekte zur Erschließung Afrikas – teils geplant, teils schon begonnen – sind grandios, um nicht zu sagen phantastisch. Der Verlust europäischer Einflußgebiete in Ostasien und Insulinde, zusammen mit der Notwendigkeit, neue Lieferanten und Märkte zu finden, hat die Anstrengungen der Kolonialmächte vervielfacht. Der Wunsch, beim Ausbau Afrikas mit amerikanischen Maßstäben zu arbeiten, hat die Europäer ergriffen und häuft überdimensionale Zahlen und Zeichnungen aller Art auf geduldiges Papier. Das Tempo der Entwicklung wird gefährlich beschleunigt, und Dienstleistungen der afrikanischen Erde werden ohne Gefühl für die überlegene Unantastbarkeit dieses Kontinents errechnet, der seit frühägyptischen Zeiten her allen militärischen, kommerziellen und zivilisatorischen Bemühungen durch die Jahrtausende bisher nur gespottet hat.

Man braucht bei den großen Plänen nicht einmal an so utopische Vorschläge, wie die Senkung des Mittelmeerspiegels und die Überflutung der Sahara zu denken. Der Nil etwa soll in seiner gesamten Länge von 5900 km reguliert, sein gewaltiges Einzugsgebiet im Sudan und Zentralafrika landwirtschaftlich entwickelt, werden. Dort, wohin heute nur reiche Großwildjäger nach wochenlangen Strapazen vordringen, sollen in den nächsten 25 Jahren riesige Staudämme entstehen und unübersehbare Sümpfe trockengelegt werden. In Ostafrika ist der sogenannte Erdnußplan in vollem Gange. Mit einem Kapitalaufwand von 25 Mill. £ (etwa 350 Mill. DM) sollen in fünf Jahren 8 Mill. ha Urland unter Erdnußkultur gebracht und jährlich 600 000 t Erdnußöl gewonnen werden. Das sind unerhörte Zahlen. Jetzt nach zwei Jahren sind nur 125 000 ha wirklich bepflanzt, aber die 25 Mill. £ sind, wie Minister Strachey vor dem Unterhaus zugeben mußte, bereits verbraucht, und weitere gute 25 Mill. müssen den ersten schlechten nachgeworfen werden.

An den Victoriafällen in Südrhodesien und am Owenfall in Uganda, wo der Nil aus dem Victoriasee tritt, werden Kraftwerke geplant, die die Anlagen im Tennessee Valley in den Schatten stellen. Zement- und Düngemittelfabriken befinden sich bereits im Bau. In Westafrika sind es Betriebe der Seifen-, Kakao- und Holzindustrie, im Kongo solche der Kupfer- und Urangewinnung, die im größten Stile ausgebaut werden sollen. Pläne werden gemacht, um durch Erschließung der ungeheuren Regenwaldgebiete der Guineaküste und des Kongo-Beckens das jährlich 70 Millionen Festmeter betragende Defizit der europäischen Holzindustrie auszugleichen. Außerdem ist diese ganze Industrialisierung und Produktionssteigerung nur bei einer bisher in Afrika unbekannten Beschleunigung des Ausbaus von Verkehrswegen, Eisenbahnen und Straßen denkbar. In richtiger Einsicht dieser Tatsache hat die Internationale Afrikanische Verkehrskonferenz, die Anfang Juni in Lissabon tagte, die verkehrstechnische Erschließung Afrikas als Schlüsselproblem Nr. 1 erkannt und besprochen.

Die Gesamtheit dieser Afrikapläne ist zwar sehr eindrucksvoll, aber ihnen allen ist ein entscheidender Fehler gemeinsam, der den Erfolg in Frage stellen wird: sie lassen jede Berücksichtigung des menschlichen Faktors vermissen. Wer soll zunächst einmal diese titanischen Bauarbeiten ausführen? Woher sollen die Arbeitskräfte kommen, die tausende Kilometer Straße bauen, die Industriewerke bemannen, die unermeßlichen Holzmengen einschlagen und die Kahlflächen wieder aufforsten? Europäer sind im tropischen Afrika nur als Organisatoren oder Aufseher brauchbar und niemals zu körperlicher Arbeit zu verwenden. Und die Schwarzen? Mit durchschnittlich sechs Personen auf den afrikanischen qkm kann man keinerlei technische Erschließungswunder verrichten, vor allem dann nicht, wenn dieser dünne Bevölkerungsschleier der Lohnarbeit ablehnend gegenübersteht und sehr viel lieber im bäuerlichen Kleinbetrieb oder als freizügiger Viehbesitzer sein sonniges Leben verbringt. Darin liegt das hauptsächliche Hindernis: die Schwarzen wollen eine Ausweitung des europäischen Einflusses nicht.

Auf der erwähnten Verkehrskonferenz in Lissabon ist das Wort von der „Beschaffung und Verteilung eingeborener Arbeitskräfte“ gefallen. Das hat einen scheußlichen Klang, und es sollte uns nicht wundern, wenn die Sowjetunion diesen Rückfall in eine kapitalistisch-koloniale Terminologie aufgriffe und entsprechend kommentierte. Die Mentalität der „Beschaffung von schwarzem Menschenmaterial“ durch die weißen Kolonialherren gehört einer vergangenen Zeit an und wird, wenn sie in die neue afrikanische Erschließungsepoche übernommen wird, die ganzen hochfliegenden Pläne zum Scheitern bringen. Man kann Afrika nur mit den Schwarzen erschließen, und nicht gegen sie. Mit politischen Konzessionen allerdings erwirbt man sich auch bei ihnen keinen Dank, wie die wachsenden Unruhen in allen Teilen des Kontinents zeigen. Von allen Kolonialmächten haben die Belgier das meiste Verständnis für die ganz auf Lachen und kindliche Lebensfreude eingestellte schwarze Gesellschaft entwickelt. Mit strenger aber väterlicher Hand haben sie einen dauerhaften und vorbildlichen Arbeitsfrieden in ihrem Kongogebiet erreicht, und es ist nur die geringe Bevölkerungszahl und nicht die Opposition, die dort die wirtschaftliche Erschließung verlangsamt.

Eines ist sicher: ohne Afrika als Rohstofflieferant und Absatzmarkt wird Europa in der Weltwirtschaft nicht bestehen können, Ebenso sicher aber ist es, daß sich große wie kleine afrikanische Projekte nur mit Hilfe der Schwarzen durchführen lassen. Vielleicht ist es diesen Buschkindern, die bei jedem Anzeichen von Zwang spurlos in die unfaßbare Weite ihres Landes verschwinden, vorbehalten, auf ihre Weise unseren alten Kontinent darüber zu belehren, daß nun niemals ungestraft Planwirtschaft mit Menschen treibt und Arbeitskräfte „beschafft und verteilt“.

C. D.