Erzählung von Johannes V. Jensen

Johann V. Jensen ist der bekannteste unter den lebenden dänischen Schriftstellern. Der heute 76jährige wurde 1873 in Jütland als Sohn eines Tierarztes geboren; sein Hauptwerk ist der Roman „Die lange Reise“ (deutsch im S. Fischer Verlag), der das Leben der vorhistorischen Menschen schildert. – Jensen hat Novellen geschrieben, die fremde Länder, Asien oder Amerika zum Schauplatz haben. Eine von ihnen, die das Schicksal zweier jüdischer Kinder, deren Eltern aus Europa emigrieren mußten, im heutigen Amerika beschreibt, gelangt hier zum Abdruck.

Als der kleine Edison mit seinen Eltern nach Amerika gekommen war, wurde er drüben Zeitungsjunge – der kleinste Zeitungsjunge der Welt – und war New York ganz ausgeliefert. Er stand am Rande des Trottoirs vor der City Hall unter Worlds Turmhaus. Kaum konnte er den Stapel Zeitungen mit der einen Hand halten, während er mit der anderen den Vorübergehenden die einzelnen Exemplare anbot. Für den Fall, daß er sich verirrte, konnte er einige Brocken Englisch, sonst sprach er nur jiddisch, die Sprache, in der er zu Hause mit den Eltern und der kleinen Schwester Marya redete. Nach ihnen sehnte er sich, während er die Zeitungen ausschrie; denn sie waren die einzigen, die dem Kinde von der alten Heimat, aus dem es fliehen mußte übriggeblieben waren. Aber noch während seiner Tätigkeit als Zeitungsjunge starben ihm beide Eltern. Am Todestag seiner Mutter war er gerade vier Jahre alt –, er stand mit seiner Schwester auf einem Bahnhof der New Yorker Untergrundbahn. – „Geht nach Hause“, hatte die Mutter zu Leo und Marya gesagt. Es war ihr letzter Wunsch, und da Leo und Marya folgsame Kinder waren, wollten sie ihm folgen. Wo aber war zu Hause? Ganz schwach nur erinnerte sich Leo an das Zimmer in Lodz, in dem er geboren wurde: vom Fenster aus konnte man in einen düsteren Hinterhof sehen, über dem ein Stück Himmel war, ein schmaler Streifen, verqualmt vom Rauch der vielen Schornsteine.

Die beiden Kinder standen am Rand des Bahnsteiges; die wartenden Menschen, die alle nach der Richtung sahen, aus der der nächste Zug kommen sollte, kümmerten sich nicht um sie. Und so blieb es auch unbemerkt, daß Leo und Marya vom Bahnsteig herunter auf die Schienen kletterten und in der anderen Richtung im dunklen Tunnel verschwanden. – „Komm“, hatte Leo nur zu seiner Schwester gesagt, und sie begannen in die Tiefe der Erde zu wandern –, denn wer konnte wissen, ob nicht irgendwo am Ende dieses dunklen Ganges die Heimat lag?

Zwischen den Schienen und der Wand war ein schmaler Streifen öligen Ziegelsteins, auf dem man gehen konnte. Es wurde nie ganz dunkel, von Zeit zu Zeit leuchteten an den Seiten elektrische Lampen auf. Plötzlich begann die Luft zu sausen und zu dröhnen. Ein großes grünes Auge kam aus dem Dunkel auf die Kinder zu und wurde größer und größer. Erschrocken drückten sich die beiden an die Wand: an ihnen vorbei donnerte das Ungeheuer, ein Luftzug faßte ihre Kleider, dann wurde der Krach schwächer und verlor sich schließlich in der Ferne. Einen Augenblick noch blieben die Kinder zitternd an der Wand stehen – dann gingen sie weiter. Bald danach erschien ein neues-Ungeheuer und kurz darauf ein drittes. Aber jetzt erschraken Leo und Marya nicht-mehr: sie glaubten, daß ihnen nichts passieren könne, wenn sie sich nur schnell genug an die Wand preßten. Nicht eine Armlänge von dem Kieselstreifen, auf dem die Kinder gingen, verlief die Leitungsschiene; durch Sie ging ein Strom, der stark genug war, beide zu pulverisieren, wenn sie ihn berührten. Von ihm wußten die Kinder nichts; sie schritten tapfer vorwärts, und wer weiß, wer dafür sorgte, daß sie diese Armlänge nie übertraten.

Schließlich verbreiterte sich der Tunnel vor ihren Augen, die Schienen verzweigten sich, die Kinder näherten sich der New Yorker Zentralstation. Sie befanden sich bald mitten in einem Gewirr von Schienen und Leo zog die Schwester quer über die Gleisanlagen, um wieder an eine Seite zu gelangen. Wie ihnen bei diesem Obergang über die vielen Schienen, die jede für sich ihre Leitungsschienen hatten, nichts passiert ist, blieb unerklärlich. Ein Bahnbeamter sah beide aus dem Tunnel kommen und schrie laut auf. Das hörten Leo und Marya und sie ahnten, daß sie etwas Schreckliches getan haben müßten, wenn ein Erwachsener so schrie. Dann sahen sie den Bahnbeamten auch schon auf sich zukommen. Er setzte in merkwürdigen Sprüngen, bei denen er sich bemühte, die elektrischen Leitungsschienen nicht zu berühren, über die Gleise, rettete die beiden Kinder und sich auf eine kleine Lichtstelle mitten im Schienenmeer und gab beiden zwei mächtige Ohrfeigen. Darauf wurde er weiß und fiel hin. Nun begannen die Kinder zu schreien. Von weitem sah die Gruppe wie eine gespenstische Pantomime aus: da lag ein erwachsener Mann auf dem Boden und neben ihm standen zwei Kinder, wild gestikulierend; alle drei aber wurden überschüttet von dem fahlweißen Licht der unterirdischen Beleuchtung, so daß sie wie Schatten aussahen.

Oben auf der Straße übergab der Bahnbeamte die beiden Kinder einem Verkehrspolizisten. Der behielt sie bis zur Ablösung in seiner Kuppel. – Es dämmerte. Die ersten Straßenlaternen mischten ihre Strahlen mit dem Glanz des Abendhimmels über New York. Die Stadt lag in jener Beleuchtung, die sie märchenhaft erscheinen läßt und dennoch wirklicher als jede andere Stadt der Welt. Vor sich sahen Leo und Marya einen mächtigen Palast mit tausend leuchtenden Fenstern: das Gebäude der „New York Times“. – Und das alles, die Märchenstimmung und die Wirklichkeit, das mächtige Gebäude und der Polizist, der sich ihrer annahm, erfüllte die Kinder mit Vertrauen. Plötzlich fühlten beide, daß dies hier ihre neue Heimat war, in der man leben und arbeiten konnte.