Von Werner Deubel

Der große ungarische Physiker und Philosoph starb am 13. Juli vor 25 Jahren.

Eintritt wegen Umbaus verboten!“ – so sollte nach einem bitteren Wort Eddingtons eine – -Tafel am Portal der heutigen Physik varnen. Und ein deutscher Gelehrter schrieb: „Die Physik ist voller Lücken. In allem Technischen und – Praktischen steht sie auf außerordentlicher Höhe, aber alle ihre theoretischen Vorstellungen sind im Wanken. Es wird kaum genügen, die Lücken zu verstopfen. Das ganze Haus wird neu gebaut – werden müssen.“ Genau so verzweifelt tönt es aus dem Lager der Philosophie. So sagt Pater Cornoldi: „Die Geschichte der modernen Philosophie ist die Geschichte der intellektuellen Irrungen des Menschen, der dem Schwindel seines geistigen Dünkels verfallen ist. Sie sollte besser heißen die Geschichte der Pathologie der menschlichen Vernunft.“

Was führte zu solcher Resignation, die am Ende einer zweitausendjährigen Denkgeschichte einer Bankrotterklärung ähnlich sieht? Es läßt sich nachweisen und wurde nachgewiesen, daß die Zersetzung von jenem frühen Fehlansatz herrührt, als sich das europäische Denken gegen Heraklit und für Plato entschied. Seither hat es zunehmend an Wirklichkeitsfühlung verloren und endet heute folgerichtig in Begriffsformalismus, Relativismus, Zweifelsucht. Mit monumentaler Einseitigkeit verfiel es dem bald heimlich lenkenden, bald offen ausgesprochenen Glauben, an die Vorzugsstellung des menschlichen Bewußtseins und Geistes. Dies „logozentrische“ Denken verwechselte Innenleben mit „Bewußtseinstatsachen“, entwertete die Wirklichkeit des Geschehens zur Weltmaschine aus toter Materie – (daher „Materialismus“) oder fälschte dem bewußtlos bildenden Weltgrund etwas Geistiges ein (daher „Idealismus“).

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des vorigen Jahrhunderts, daß dieser Fehlansatz bereits erkannt wurde von – Goethe. Er hat. als erster den Heraklitismus erneuert; er ist der Entdecker der Vorzugsstellung des Unbewußten und enthüllte den subjektivistischen Menschendunkel, mit dem die Geistesgläubigen „alles, was vernünftig und gut war, sich dadurch zueigneten, daß sie es dem Logos (Geist) zuschrieben“.

Erst heute gewahren wir, daß der Um- und Neubau, nach dem die Physik so verzweifelt ruft, seit fünfundzwanzig Jahren bereits in seinem weltmechanischen Grundriß vorliegt, ja daß die Grundmauern schon errichtet sind – im Werke Palägyis, der (ohne darum zu wissen) als einziger Philosoph und Physiker das Erbe Goethes fortführt.

Melchior Palägyi, geboren 1859 in Paks an der Donau, war nicht nur in den Augen seiner Landsleute „der letzte große Ungar“. Aber kein Land Europas hat tiefere Gründe, Palägyis Namen der Vergessenheit zu entreißen, als Deutschland. In Deutschland als in seiner Wahlheimat hat Palägyi lange Zeit gelebt; seine bedeutendsten Bücher hat er in (meisterhaft klarer) deutscher Sprache geschrieben, in deutscher Erde liegt er seit dem 13. Juli 1924 auf dem Waldfriedhof von Darmstadt begraben. Aber noch entscheidender sollten für uns jene Verbindungslinien sein, die von seinem Werke zu dem neuen Weltbild Goethes führen. Denn die von Goethe eröffnete, von Palägyi philosophisch vollzogene vitalistische oder „biozentrische“ Denkwende ist das wesentlichste, das vielleicht einzige zukunftsträchtige Thema, das Deutschland und unsere wissenschaftliche Jugend der abendländischen Kultur noch beizusteuern hat.