Gibt es bei uns eine Chance für politische Abenteurer? Sie scheint hier und da gewittert zu werden, zumal von Männern, von denen man annehmen sollte, sie seien froh, in Vergessenheit geraten zu sein. Otto Strasser klopft schon seit längerer Zeit an die Pforten Deutschlands und will neuerdings sogar die UNO bemühen, um seine Rückkehr durchzusetzen. Ein Mann wie der ehemalige SA-Führer Stennes ist tatsächlich heimgekehrt. Und der vielgeschäftige Joachim von genug der vom Parteigründer immer noch nicht genug hat, bot für seine seltsame Tagung "unabhängiger Deutscher" ausgerechnet jenen General Reiner auf, der sich seinen Generalsrang an der Heimatfront gegen die Männer des 20. Juli verdiente. Wenn ein Reiner glaubt, er habe noch eine politische Aufgabe in Deutschland, vor wem sind wir dann eigentlich sicher? Wir können uns noch auf einige Überraschungen gefaßt machen, denn nichts scheint bei uns seltener zu sein als das sichere Gefühl dafür, daß eine bestimmte Vergangenheit einen Riegel vor die Zukunft schiebt und jegliche Möglichkeit eines "come-back" ausschließt. Es sieht ja auch so aus, als halte sogar Dr. Robert Kempner seine Tätigkeit als amerikanischer Ankläger in Nürnberg nicht für einen Hinderungsgrund, um doch noch als Deutscher den Anschluß an Deutschland zu finden.

Aber schließlich handelt es sich um mehr als nur um Taktlosigkeiten, wenn überall hierzulande politische Kreise, Gruppen und Bünde entstehen und wenn hierbei in den meisten Fällen ein gewisser Rechtsdrall deutlich zu spüren ist. Man spekuliert auf den vermeintlichen Nationalismus von Millionen von Deutschen, die in den bestehenden Parteien bisher keine politische Heimat gefunden haben. Es ist ein offenes Geheimnis in Deutschland, daß die Bonner Republik nicht wesentlich volkstümlicher ist als ihre verstorbene Weimarer Schwester, ein so offenes Geheimnis, daß es niemandem schaden kann, wenn man davon spricht. Im Gegenteil, es schadet der politischen Zukunft, wenn ein Staat ohne Volk hartnäckig als Demokratie ausgegeben wird. Kein Staat kann von Illusionen leben, und am wenigsten die Demokratie. Die Millionen der politisch Unbehausten sind ebenso eine Tatsache wie die Flüchtlingsmithören. Es ist daher kein Wunder, daß Versuche unternommen werden, hier vorzufühlen und Beute zu machen. Und es ist nicht einmal ein Wunder, daß die Beutemacher, die meist nicht mehr sind als eben politische Spekulanten, sich zunächst der unverbindlichen Form von Kreisen, Gruppen und Bünden bedienen.

Wie verhält es sich nun eigentlich mit dem deutschen Nationalismus? Man muß sich, wenn man ihn beurteilen will, vor zwei grundlegenden Fehlern hüten. Der eine besteht darin, den deutschen Nationalismus zu unterschätzen oder rundweg zu leugnen. Aber noch bedenklicher und auf lange Sicht gefährlicher ist eine Überschätzung. Man verkennt unsere politische Wirklichkeit völlig, wenn man alle oder fast alle politisch heimatlosen Deutschen einfach für Nationalisten hält. Und gerade das tun sowohl die meisten Parteien, die ja selbst oft nationalistische Töne anschlagen, um nur ja im Kampf mit der Konkurrenz einen Vorsprung zu gewinnen, wie auch die verschiedenen Rechtsgruppen, die auf ein riesiges nationalistisches Reservoir außerhalb der Parteien spekulieren.

Unser politisches Denken und Rechnen ist in erschreckendem Grade schematisch. Weil die Weimarer Republik von rechts her gestürzt wurde, deshalb muß auch dem heutigen Staate aus gleicher Richtung Gefahr drohen. So will es das Schema "Der Feind steht rechts!" ein für allemal. Wir verlieren jeden Anschluß an die eigene politische Zukunft, wenn wir in dieser Weise unsere Wirklichkeit in Schattenkämpfe verfälschen. Denn es sind nur Schatten, die hier beschworen werden, fortgeschleppte Begriffe einer gedachten aber nicht erlebten Politik. Nichts wäre gesünder, als wenn man die große Unbekannte von rechts endlich zu einer bekannten Größe werden ließe. Wir brauchen deshalb eine Rechtspartei auf trizonaler Grundlage. Lange sind sowohl die Besatzungsmächte als auch die Parteien mit früher Lizenz einer solchen Möglichkeit mit erheblichem Mißtrauen, wenn nicht mit Furcht begegnet. Die Gouverneure scheinen neuerdings klarer als unsere eigenen Politiker begriffen zu haben, daß man der Demokratie mit dem Monopol bestimmter "zuverlässiger" Parteien keinen guten Dienst erweist. Und gerade für diese Parteien wäre es nur vorteilhaft, wenn der vorhandene deutsche Nationalismus endlich legalisiert würde. Dann nämlich könnten sie sich selbst gegen ihn abgrenzen, innenpolitisch und außenpolitisch nachweisen, worin der Unterschied zwischen nationaler und nationalistischer Haltung besteht und daß deutsche und europäische Politik, von Deutschland aus gesehen, ein und dasselbe sind.

Noch viel klärender für unsere Zukunft aber wäre die wirkliche Rechtspartei durch ihren Mißerfolg. Solange es sie nicht gibt, läßt sich immer noch vermuten, sie hätte gewaltige Chancen. Sobald es sie gibt, wird sich erweisen, daß der "Feind von rechts" ein Schemen ist. Eine Politik der nationalistischen Tat oder vielmehr Untat, eine wirkliche Machtpolitik ist in Deutschland gar nicht möglich und hätte zudem sehr wenige Anhänger. Eine Politik der nationalistischen Phrasen könnte etliche Spießer begeistern, müßte aber sehr bald an der eigenen Inhaltlosigkeit ersticken. Eine "konservative" Politik endlich, ganz ohne nationalistische Verkrampfungen, muß daran scheitern, daß weder Einrichtungen noch soziale Führungsschichten vorhanden sind, die sich aus einer lebendigen Tradition heraus konservieren ließen. Sie lassen sich nicht einmal restaurieren. Eine politische Restauration ist bei uns weder von "links" noch von "rechts" her möglich. Die nationalistischen Abenteurer sind Fehlspekulanten. Und die ehrlichen Konservativen, die nicht nur sich selbst restaurieren wollen, haben einfach nicht begriffen, daß sie eine historische Erinnerung mit einer politischen Möglichkeit verwechseln.

Wenn man also das Parteiensystem bei uns nach rechts hin abrunden würde, so müßte sich zeigen, daß von den Millionen der politisch Heimatlosen nur eine geringe Minderheit eine neue politische Heimat finden könnte. Das gilt vor allem für die jüngere Generation. Und dies würde deutlich machen, daß überhaupt das überlieferte Schema nicht mehr paßt, daß auch eine in sich vollständige Parteiendemokratie alten Stils bei uns noch immer nicht Staat und Volk zusammenbringt. Und das ist das Wichtigste, was es bei uns politisch zu lernen gibt.

Es trifft einfach nicht zu, daß jeder Verbitterte, jeder Unzufriedene, jeder Waltende und Suchende bei uns nationalistisch sei. Die Verkrampfungen, die sich durch die schweren Fehler bei der Entnazifizierung, den Kriegsverbrecherprozessen, der Demontage ergeben haben, lassen sich nur dadurch lösen, daß man diese Fehler abstellt. Man muß nicht zittern bei jedem törichten Beifall in einer Spruchkammerverhandlung, bei jedem lokalen Wahlerfolg einer Rechtsgruppe, bei jedem kleinsten nazistischen Flugblatt. Man darf vor allem nicht glauben, es lasse sich alles mit den polizeilichen Begriffen "verboten" und "genehmigt" regeln. Menschen, die keine Verbrecher sind, Meinungen, die keine Verbrechen befürworten, lassen sich auf die Dauer nicht politisch "verbieten".