„Dies Büro hier in einem der Wolkenkratzer New Yorks mit dem Blick auf Stadt und Hafen ist vielleicht der richtige Platz zu einer Rückschau auf den soeben beendeten Quebec-Kongreß der Internationalen Handelskammer“ – so schreibt uns einleitend Dr. Rudolf Brinckmann (in Firma Brinckmann und Wirtz) zu dem folgenden Bericht über die Tagung der IHK, den er der „Zeit“ freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Einer der stärksten Eindrücke des Kongresses war die Beobachtung, in wie hohem Maße die europäischen Probleme (und in deren Rahmen eben auch diejenigen Deutschlands) die führenden Köpfe des Wirtschaftslebens beschäftigen. In den Kreisen der IHK hat sich – darüber kann nach den Beschlüssen und allen Besprechungen von Quebec kein Zweifel bestehen – die Erkenntnis der engen Verflechtung der Interessen und auch der Schlüsselstellung Deutschlands für die Wiedergesundung Europas durchgesetzt. Nicht eine Stimme hat sich auf dem Kongreß zugunsten von Maßnahmen erhoben, die auf die Beschränkung unserer Friedenswirtschaft abzielen, und man kann nur hoffen, daß diese Haltung auch in den Beschlüssen der hohen Politik ihren Niederschlag finden wird.

Der eigentliche Wert internationaler Kongresse, so wird oft gesagt, sei darin zu erblicken, daß sie Gelegenheit zur Anknüpfung persönlicher Beziehungen und zum Gedankenaustausch mit Menschen anderer Zungen geben. Gewiß mag auch der Quebec-Kongreß der IHK unter diesem Gesichtspunkt von Nutzen gewesen sein. Daneben aber muß der objektive Betrachter die sachliche Bedeutung der Beschlüsse und der vorgelegten Berichte sowie das hohe Niveau der Debatten hervorheben. Die alle zwei Jahre stattfindenden Kongresse der IHK dienen ja nicht nur der Behandlung aktueller wirtschaftspolitischer Themen, sondern auch einer Berichterstattung über die Arbeit, die in den ständigen Ausschüssen der Kammer während der vergangenen beiden Jahre geleistet worden ist. Somit beruhen die Kongreßbeschlüsse auf sorgfältigen Vorarbeiten.

In Quebec kam das gerade in der Behandlung derjenigen Themen zum Ausdruck, die Deutschland in besonderem Maße berühren; Offenheit und realistische Betrachtungsweise zeichneten das Gespräch aus. „Jede. Maßnahme zur Intensivierung des Güteraustausches mit Osteuropa bedeutet einen Beitrag zur Wiedergesundung Europas im allgemeinen“, heißt es in einer der grundlegenden Entschließungen. Nicht weniger deutlich sind die Forderungen, die die Entwicklung unseres Wirtschaftsverkehrs mit dem Westen betreffen: die Forderung auf Beteiligung der Deutschen an der europäischen Zusammenaibeit als „Partner“, der Appell an die für die deutsche Außenhandelspolitik verantwortlichen Stelen, das gegenwärtige System kurzfristiger Handelsabkommen mit detaillierten Warenlisten durch mehrjährige Verträge mit dem Ziel eines freieren Güteraustausches und der Schaffung eines europäischen Marktes zu ersetzen, und schließlich das ausdrückliche Verlangen nach Aufgabe der Dollar-Klausel. Die IHK schlägt vor, diese durch ein System zu ersetzen, das Deutschland im Rahmen des europäischen Zahlungsverkehrs größere Bewegungsfreiheit geben, seinen Außenhandel aus den engen Kanälen des zweiseitigen Güteraustausches herausführen und ihn wieder in den Genuß der Vorteile eines umfassenden multilateralen Wirtschaftsverkehrs bringen soll.

Soviel zum Generalthema des Kongresses: „Für eine freiere Weltwirtschaft“. Daneben stand er im besonderen Maße im Zeichen der Probleme der Absatzwirtschaft. Überall in der Welt ist man sich bewußt, daß der Verteilungsapparat mit der Entwicklung der Produktion nicht Schritt gehalten hat. Diesen Fragen muß besondere Bedeutung in einer Zeit zukommen, in der der Kampf um die Märkte wieder in den Vordergrund tritt. Die deutsche Gruppe der IHK hat es daher lebhaft begrüßt, in Quebec einen umfassenden Überblick über den Stand der Untersuchungen auf diesem Gebiet in anderen Ländern, namentlich in den USA, zu gewinnen und wird diese ihren Arbeiten zugrunde legen.

Diese notgedrungen kurzen Hinweise können also nicht mehr als eine erste Skizze von den Eindrücken geben, die jeder Tag des Kongresses vermittelte. Wer sich eingehender über Verlauf und Ergebnisse unterrichten will, sei auf den offiziellen Bericht verwiesen, der in einigen Wochen erscheinen wird. Zum Schluß sei jedoch noch ein Wort über die deutsche Beteiligung gesagt: Die sechs deutschen Delegierten befanden sich in einer besonderen Lage. Die deutsche Gruppe hat ihre Mitarbeit in der IHK erst seit Anfang dieses Jahres wiederaufgenommen. Sie hat daher an der Vorbereitung der Quebec-Beschlüsse nur in beschränktem Umfange mitgewirkt. Unter den deutschen Teilnehmern des Kongresses besteht über die Bedeutung der deutschen Mitarbeit im Kreise der IHK jedoch nur eine Meinung: daß nichts unterlassen werden sollte, diese Mitwirkung auf allen Gebieten zu intensivieren.