Merdeka“ – der Ruf nach Freiheit ist in Erfüllung gegangen. Über Djokjakarta weht wieder, die rot-weiße Fahne der Republik. Damit sind von holländischer Seite alle Voraussetzungen erfüllt, von denen Indonesien seine Teilnahme an einer, für August vorgesehenen Round-Table-Konferenz in Den Haag geknüpft hat, auf der die „Übergabe der völligen und bedingungslosen Souveränität an alle Völker Niederländisch-Indiens“ und die Erhebung der Republikindonesien zum gleichberechtigten Partner Hollands unter dem gemeinsamen Symbol der Krone bis Jahresende in die Wege geleitet werden soll. Damit ist aber keineswegs entschieden, ob die republikanischen Sendboten tatsächlich ihre Reise nach den Niederlanden antreten werden, Die Äußerung der indonesischen Politiker über den einzigen und gemeinsamen Feind tragen nach wie vor unversöhnlichen Charakter. Trotz des Versprechens der republikanischen Unterhändler Dr. Hatta and Dr. Roem, ihren ganzen Einfluß zugunsten einer Einstellung des Guerillakrieges aufzubieten, wurde bisher kein Waffenstillstandsabkommen geschlossen. Der Kampf schwelt weiter.

Im Haag ist man über diese Entwicklung enttäuscht. Man sieht dort endgültig die Felle davonschwimmen. Felle, die mit 62 v. H. der Gummierzeugung, 3 v. H. der Ölerzeugung und 91 v. H. der Chininerzeugung der Welt einen nicht zu ersetzenden Reichtum darstellen. Dabei hatte man in der niederländischen Hauptstadt eigentlich auf einen linden Wind aus Insulinde gehofft, War Holland nicht – zumal ihm selbst die „Politik der starken Hand“ auf die Dauer zu teuer zu stehen kam – in fast allen Punkten der UNO-Empfehlung vom 28. Januar gefolgt? Und nun trotzdem diese störrische Haltung der Eingeborenen? Der Unwille im Haag über die Folgen der eigenen Politik wendet sich vor allem in eine Richtung: gegen jenen Mann, der erst im Dezember im Zuge der holländischen Polizeiaktion von Falschirmjägern gefangengenommen wurde, und der doch heute wieder in der früheren Villa des niederländischen Generalgouverneurs bei Djokjakarta residiert, unmittelbar neben den gewaltigen Ruinen des brahmanischbuddhistischen, Tempels Borobudur. Jener Mann, der als wahrscheinlich einziger Staatspräsident einer großen Republik keinen Familiennamen führt: Dr. Achmed Soekarno.

Nicht etwa, daß Soekarno – der Name entspricht ungefähr, und auch in seiner Häufigkeit dem deutschen „Hans“ – von Geburt her keinen Nachnamen träger er hat ihn nur im Laufe eines bewegten Lebens irgendwann einmal verloren. Vielleicht schon auf der Technischen Hochschule in Bandoeng, wo er Architektur studierte und seinen Doktortitel erwarb. Vielleicht 1934, als er von den Holländern wegen aufrührerischer Tätigkeit auf die Insel Flores verbannt wurde, oder auch erst kurz bevor die Japaner den Pazifik eroberten und Soekarno ankündigten: „Wir werden England zerstampfen und Amerika plattdrücken.“ Niemand weiß es genau. Niemanden interessiert es. Im Zweifelsfalle und um Verwechslungen zu vermeiden kann man ja von Mr. Merdeka sprechen. Dann weiß jeder, wer gemeint ist. Denn dieses Wort stammt von ihm.

Soekarno ist eine der schillerndsten Figuren in der „farbigen Front“ Asiens. Er gilt als ausgezeichneten Redner, dem es nichts ausmacht, in einem Land, dessen Straßen Schlammlöchern gleichen, jedem „sein Auto“ zu versprechen. Er hat Shakespeare, Lincoln und Rousseau gelesen, ohne seine Schwäche für Diktatoren aufzugeben. Er ist ein Moslem, wenngleich nicht so streng, daß er nicht ab und zu auch ein Glas Whisky tränke. Aber, und das dürfte entscheidend sein: Er, Sohn eines javanischen Vaters und einer balinesischen Mutter, haßt die Weißen. Für 72 Millionen Indonesier bedeutet der Vierundfünfzigjährige das, was San Yatsen für China war und Pandit Nehru für Indien ist: ein nationaler Erlöser. C. J.