Der „deutsche Festspielsommer“ gehört der Vergangenheit an. Um so aufmerksamer verdient eine Einrichtung beachtet zu werden, die nach zwei Anläufen in den Reichsmark-Jahren ausgerechnet in der verschärften Theaterkrise dieses Jahres zu Ruf und Glanz und klingendem Erfolg gelangt ist: die Ruhr-Festspiele in Recklinghausen. Ursprünglich ein Gastspiel mehrerer Hamburger Bühnen, die Kunst für Kohle boten, auf Anregung des hamburgischen Bürgermeisters Brauer dann zur ständigen Einrichtung erhoben und um westdeutsche Bühnengastspiele erweitert, haben die Ruhr-Festspiele 1949 die Ausdehnung eines ganzen Monats angenommen.

Aus Gastspielen versuchte man Festspiele zu machen. Ermöglicht wurde diese großzügige Veranstaltungsreihe durch das Zusammenwirken der festgebenden, von Kriegszerstörungen ziemlich verschonten Stadt Recklinghausen mit der riesigen Organisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Indem seine Mitglieder aus dem Ruhrgebiet, im Bedarfsfalle aber auch aus anderen Gegenden Deutschlands, die Hälfte der in einem großen Saalbau verfügbaren Plätze zum Eintrittspreis von drei DM erhielten, zu dem der DGB aus eigenen Mitteln die Differenz zum Normalpreis hinzuzahlte, war die organisatorische und finanzielle Basis geschaffen, auf der eine sonst theaterlose, von den Musen bisher gemiedene Stadt zum Schauplatz einer künstlerisch und sozialpolitisch gleicherweise bedeutsamen Veranstaltungsreihe werden konnte.

Die alte Volksbühnen-Forderung „Die Kunst dem Volke“ wurde also von neuem aufgegriffen, und es wurde mit der Bergarbeiterbevölkerung ein Theaterpublikum umworben, das – einmal gewonnen – auch als Besucher der heimischen Bühnen erwünscht ist. Indessen, nach den KdF.-Erfahrungen wird man die propagandistischen Hoffnungen nicht allzu hoch spannen dürfen. Realer mutet auf sozialpolitischer Ebene der Gesichtspunkt an, daß eine durchaus vom Künstlerischen bestimmte Spitzen Veranstaltung des Theaters gerechtfertigt werden soll durch die Heranführung von Schichten, ohne deren Anwesenheit und finanzielle (Gewerkschafts-) Unterstützung das ganze Unternehmen heute kaum möglich wäre. Der künstlerische Oberleiter hat also die Aufgabe, ästhetische, ideelle und soziale Faktoren auf einen Nenner zu bringen. Daß der Kölner Chefdramaturg, Dr. Karl Pempelfort, diese Aufgabe sah, muß ihm zugebilligt werden. Er inszenierte selber den „Faust“. Das Programm war so zusammengestellt, daß dem simpeln Massengeschmack nicht nachgegeben wurde. Von Goethe brachten die Münchner Kammerspiele ihre viel gerühmte „Iphigenie“. Hamburg zeigte Brechts „Puntila“, die köstliche Rennert-Insze nierung von Rossinis „Italienerin in Algier“ und Strawinskijs „Geschichte vom Soldaten“. Düsseldorf gastierte mit Alban Bergs „Wozzeck“, Essen mit Claudel-Honeggers „Johanna auf dem Scheiterhaufen“. Heinz Hilpert stellte sein „Deutsches Theater am Bodensee“ mit Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ vor. Das Berliner Schloßpark-Theater interessierte durch eine hinreißende Inszenierung Barlogs für Saroyans keineswegs populäre Komödie „Ein Leben lang“. Und als Grundbestandteil zogen sich durch die aufeinanderfolgenden Gastspiele achtzehn „Faust“-Vorstellungen mit Bernhard Minetti als Faust, Wilfried Seyferth als Mephisto und Elfriede Kuzmany als Gretchen.

Waren die Festspiele abhängig von den verfügbaren Vorstellungen der eingeladenen Bühnen, so verdienen zwei wesentliche Ergebnisse doch festgehalten zu werden. Die Ruhr-Festspiele bieten eine Möglichkeit, in der umgepflügten deutschen Theaterlandschaft einen Überblick zu gewinnen, was an neuen Sammel- und Ansatzpunkten vorhanden ist. Vom westdeutschen Standpunkt bedeutete der Einblick in die Hamburger, Münchener, Konstanzet und Berliner Theater nicht nur eine Horizonterweiterung, sondern mehr noch: eine maßstabbildende Selbstkorrektur, zum Teil aber auch eine Bestätigung. Am gewichtigsten erschienen dabei die Anregungen der Rennertschen Operninszenierungen, die Beständigkeit einer schauspielerischen Erziehungsarbeit und regielich-dramaturgischen Werkinterpretation, wie sie Hilpert mit wechselnden Kräften und an-verschiedenen Orten, sich selbst getreu, leistet und – Höhepunkt der Festspiele –: die Bekanntschaft mit dem neuen Schloßparktheater Barlogs, seiner exzellenten Verteidigung des Begriffs „Berliner Theater“.

Der andere Faktor ist ein Einwand, der aus den Volksbühnenvereinen kommt. Sie vermissen die programmatisch und bildungsmäßig führende Hand, wenn eine Organisation wie der DGB einfach als Kartenabnehmer auftritt, anstatt die für Recklinghausen aufgewendeten Mittel der erzieherischen Kleinarbeit der Volksbühnenvereine und damit dem deutschen Theater in seiner Gesamtheit zuzuwenden. Aber es wird den Volksbühnenbestrebungen, weitere Kreise, besonders der Arbeiterbevölkerung, neu ans Theater heranzuführen, nicht schaden, wenn eine Spitzenveranstaltung des gesamtdeutschen Theaters, wie sie sich in den Ruhr-Festspielen herauszubilden anschickt, durch gewerkschaftliche Hilfe zur Hälfte auf denselben Bevölkerungsteilen beruht und sie mit Gipfelleistungen der Bühnenkunst bekannt macht. Johannes Jacobi